Nach mehrstündigem Marsch bestieg ich mein altes Reitkamel vom vorigen Jahre. Ich beherrschte nun einen weiteren Horizont als die Fußgänger und konnte sie rechtzeitig warnen, nicht gerade auf Sümpfe und Kanäle loszugehen.
Etwa 80 Meter vom jetzigen Seeufer erblickten wir in dem schmalen Dünengürtel wieder Spuren von menschlichem Besuch. Es waren zwei bis an den Dachfirst im Sande begrabene Kamischhütten. Gegen die eine war ein Kahn gelehnt, dessen Vordersteven zwei Fuß weit aus dem Sande hervorguckte. Der Fund war von Interesse. Die Hütten, das Boot, die Hausgeräte, die wir fanden, zeigten, daß sich Fischerfamilien wahrscheinlich noch vor wenigen Jahrzehnten in dieser Gegend aufgehalten hatten.
Mein erster Gedanke war, zu versuchen, ob sich nicht aus dem Kahne Nutzen ziehen ließe. Die Leute machten sich sofort daran, ihn auszugraben. Wäre er noch gut im Stande, so könnte man ihn zum Rekognoszieren, Fischen und Tiefenloten gebrauchen. Sie hatten 2 Meter von ihm freigelegt, als sich eine klaffende Spalte zeigte; er wurde nun unbarmherzig der Vernichtung, die schon einen Teil seines Rumpfes verzehrt hatte, wieder überlassen.
Endlich bog das Seeufer gerade nach Westen ab, und wir machten es ebenso. An seinem Rande stand das Schilf etwas dichter. Schagdur konnte noch eine verlassene Hütte als Deckung benutzen, als er eine Schar Enten beschlich. Er kehrte mit nicht weniger als sieben von ihnen zurück und wurde mit Jubel empfangen — wir konnten damit gut zwei Tage lang die Lebensgeister aufrechterhalten.
Unser See sah noch immer sehr umfangreich aus; sein Südufer war nicht zu sehen, sondern verschwand im Nebel.
Chodai Kullus Spur war fast den ganzen Tag deutlich zu erkennen. Doch als der See auch in dieser Richtung aufhörte und wir über ödes Land nach Südwesten zogen, zeigte es sich, daß der Mann nach Nordwesten gegangen war. War er verrückt geworden? Hatte er wieder in die Wüste hineingewollt? Jedenfalls mußten wir seine irrende, vergeblich suchende Spur verlassen, um mit den Seen in Fühlung zu bleiben. An einigen salzigen Tümpeln, wo die Kamelweide gut und Brennholz reichlich war, lagerten wir und bedienten uns des am Morgen mitgenommenen Eisvorrates.
Spät am Abend, als die Luft ein wenig klarer geworden war, zündeten wir wieder große Feuer von dürren Tamarisken an. Doch sie loderten auf, sprühten, glühten und verkohlten, ohne Antwort zu erhalten. Still war die Nacht, kein verdächtiges Geräusch war zu hören, keine Reiter kamen mit frohen Nachrichten ins Lager angesprengt, und keine Spur von einem Kundschafter war zu entdecken. Meine Besorgnis und Ungeduld wurden immer größer. Auf Chodai Kullu rechneten wir nicht mehr. Faisullah mußte jetzt glücklich in Kum-tschappgan angekommen sein. Warum ließ aber Tokta Ahun nichts von sich hören? Er hatte, als wir uns am Anambaruin-gol trennten, Befehl erhalten, uns hier rechtzeitig entgegenzukommen. Er mußte bereits seit mehreren Tagen am See sein. Warum ließ er sich denn nicht blicken? Ich wußte, daß ich mich auf ihn unbedingt verlassen konnte. War ihm auf der Rückreise nach Tscharchlik ein Unglück zugestoßen und hatte er diesen Ort überhaupt nicht erreicht? Oder hatte er sich nur durch diese seltsamen, wandernden Seen, die sich von einem Jahr zum anderen bis zur Unkenntlichkeit verändern, auf eine falsche Straße locken lassen? Wann würden wir Antwort auf alle diese Fragen erhalten? Dunkel umhüllte uns die Nacht, und die ersterbenden Feuer ließen nur noch schwache Rauchsäulen aufsteigen.
Am nächsten Tage ging es in derselben Richtung weiter, bald an See- und Buchtufern entlang, bald über kahle Steppen. Schagdur kroch, einer wilden Katze gleich, den Enten nach und erlegte wieder einige. Ein wilder Eber rannte in so wildem Laufe durch das Schilf, daß der Staub hoch aufwirbelte. Er war gar nicht scheu; es war ja auch nie ein Flintenlauf auf ihn gerichtet gewesen, da er zu seinem eigenen Heil nach dem Koran ein unreines Tier ist.
So gelangten wir an einen neuen See, wo das Schilf dichter war als bisher. Ich ritt auf meinem sicheren, wiegenden Kamele und nahm die Umrisse dieser unbeständigen Seen auf einer Karte auf, wohl wissend, daß die Verteilung von Wasser und Land hier in ein, zwei Jahren ganz anders aussehen würde.
Jetzt gebot uns ein schmaler Wasserarm Halt, der uns den ganzen Rest des Tages völlig verdarb. Er war nur ein paar Meter breit und wenig tief, aber sein Boden bestand aus so weichem, gefährlichem Schlamm, daß wir nicht daran denken konnten, die Kamele hinüberzuführen. Wir umgingen ihn südwärts und waren bald auf allen Seiten von Wasser umgeben. Im Norden dehnten sich neue Seen aus. Als wir lagerten, nachdem wir vergeblich nach einem Ausweg aus diesem Labyrinth gesucht hatten, war das Land nur nach der Seite, von der wir gekommen waren, hin offen, und obgleich wir nach Südwesten sollten, mußten wir am Morgen doch nach Nordnordosten zurückgehen.