Nie hat der Kara-koschun in so hohem Grade wie jetzt auf mich den Eindruck eines Sumpfes gemacht. Er besteht hier nicht aus wirklichen Seen, sondern nur aus seichten Überschwemmungen.

Während der Nacht hatten sich neue Wasserarme gebildet, und wir mußten früh aufbrechen, um nicht ganz auf einer Insel eingesperrt zu werden. Wir selbst hätten wohl über das Wasser kommen können, aber die Kamele! Dieser eigentümliche Schor-Boden, der ziegelhart wird, sobald er trocknet, wird breiweich, sobald er überschwemmt wird.

Es erfordert mehr als Geduld, in seinen eigenen Fußspuren wieder zurückzugehen und statt Terrain zu gewinnen, schon gewonnenes wieder zu verlieren.

An einem breiten Wasserarme sahen wir wieder Chodai Kullus Spur. Er war entschieden hinübergeschwommen, denn die Spur verschwand nachher. Wo mochte der Arme geblieben sein? Jetzt waren es fünf Tage, seit ich ihn fortgeschickt hatte. Daß er, wenn er überhaupt noch lebte, nicht zurückkommen würde, war klar, denn ich hatte ihm gesagt, daß wir, wenn er zu lange ausbleibe, östlich und südlich um den Kara-koschun herumgehen würden.

Am 23. März wanderten wir längst einer durch kleine Stromarme miteinander verbundenen Seenkette nach Nordosten weiter. Ich ging weit voraus. Die Gegend war unfruchtbar. Ich sah mit eigenen Augen, wie der Kara-koschun nach Norden und Nordosten, nach dem alten Bette des Lop-nor zurückgesogen wurde. Konnte ich wohl einen deutlicheren Beweis dafür erhalten, daß meine Theorien von 1896 richtig waren? Es wurde mir immer klarer, daß sowohl Tokta Ahun wie Chodai Kullu und möglicherweise auch Faisullah sich bei den Veränderungen, die in diesem Jahre hier vor sich gegangen waren, nicht hatten zurechtfinden können. Was sie vorfanden, stimmte durchaus nicht überein mit den Beschreibungen, die ich ihnen gemacht hatte.

Müde und traurig machte ich an einem Punkte Halt, wo der Wasserarm sich auf 7 Meter verengte, um sich bald darauf in einen See zu ergießen ([Abb. 217]). Als die Karawane angelangt war, wurde die Stelle untersucht. Der Boden trug uns, denn er bestand aus hartem, blauem Ton, und an den feuchten Ufern sanken die Kamele nicht mehr als einen Fuß tief ein.

Um zu erfahren, wie das Land im Norden aussah, schickte ich Schagdur auf Kundschaft aus. Nach einer guten Weile tauchte er am Ostufer des unteren Sees auf und winkte uns wie toll, dorthin zu kommen. Ich zog es jedoch vor, mündlichen Bescheid abzuwarten, weshalb Schagdur sich auf die Beine machte. Als er atemlos in Hörweite gekommen war, deutete er nach Südwesten und rief. „Reiter, Reiter!“

Richtig: in einer Staubwolke erschienen zwei Reiter, die sich uns so schnell näherten, wie die Pferde nur zu laufen vermochten. Schagdur erzählte, daß er an dem Punkte, wo er uns gewinkt hatte, ganz frische Spuren von fünf Pferden gesehen und ein paar Minuten später die Reiter erblickt habe.

So hatte denn endlich die Stunde unserer Befreiung geschlagen! Mit größter Spannung sahen wir diese willkommenen Boten über den Boden sprengen und beobachteten sie mit dem Fernglase. Bald erkannten wir Tschernoff und Tokta Ahun!

Siebentes Kapitel.
Der wandernde See.