Nie bin ich mit einem alten treuen Diener mit größerer Wärme und Freude wieder zusammengetroffen als in dieser Mittagsstunde! Tschernoff, mein vortrefflicher Kosak, war auch so froh, daß er zitterte, und seine Wangen glühten vor Eifer. Er brannte vor Begierde, mir alles erzählen zu dürfen; er wußte, daß ich durch ihn den abgeschnittenen Faden wiedererhalten und von neuem mit der Welt, von der ich über ein halbes Jahr abgeschlossen gewesen war, in Berührung treten würde.

Was jedoch im ersten Augenblick mein besonderes Interesse erregte, war, daß er nach meinem Lager hatte zurückkehren können. Im vorigen Sommer war uns mitgeteilt worden, daß alle semirjetschenskischen Kosaken auf ihren Posten sein müßten, weil die politische Lage in Asien für unruhig gelte. Doch der Kaiser hatte die unendliche Güte gehabt, mit meinen beiden Kosaken Sirkin und Tschernoff eine Ausnahme zu machen. Am letzten Juni 1900 hatten sie sich von mir getrennt und waren nach Kaschgar geritten, wo sie jedoch erst einige Monate geweilt hatten, als Generalkonsul Petrowskij aus Petersburg ein Telegramm mit dem Befehl im Namen des Kaisers erhielt, daß die beiden Kosaken Sirkin und Tschernoff sich augenblicklich nach meinem Lager zu begeben hätten, wo ich mich auch befinden möge. Als dieser Befehl an einem Sonnabend Nachmittag eingetroffen war, hatte der Konsul die Kosaken rufen lassen und ihnen befohlen, Pferde zu kaufen und am nächsten Morgen abzureisen. Sie hatten gefragt, ob sie nicht den Sonntag über noch dort bleiben dürften, aber ein kaiserlicher Befehl duldet keinen Aufschub.

So saßen sie denn am Sonntag Morgen im Sattel und nahmen meine ganze große Post, 27 Jamben Silbergeld, einige Instrumente und photographische Utensilien mit, und nun ging es über Aksu und Korla nach Tscharchlik, das sie nach 48tägigem Ritt Ende Dezember erreichten. Da sie mich dort nicht gefunden hatten, beschlossen sie meine Rückkehr zu erwarten und benutzten die Zeit gut. Sirkin übernahm die meteorologischen Ablesungen, Tschernoff begab sich nach dem Delta des unteren Tarim, über dessen neueste Veränderungen er eine Reihe wohlgelungener Kartenskizzen ausführte. Da er des Schreibens unkundig war, nahm er einen Mirsa (Schreiber) mit, der alles notierte. Die ganze Rekognoszierung brachte mir viel wichtige Aufklärung und wurde später in Tibet in freien Stunden gründlich durchgegangen.

Was Tokta Ahun anbetrifft, so hatte auch er seinen Auftrag wie ein ganzer Mann ausgeführt. Er war vom Anambaruin-gol nach Tscharchlik geritten, hatte nur eines der sechs schlechten Pferde unterwegs verloren, Islam meine Post übergeben, sich von ihm mit Proviant und ausgeruhten Pferden ausrüsten lassen und sich mit Tschernoff über Abdall nach Kum-tschappgan begeben und war dann nach Nordosten am Nordufer des Kara-koschun entlanggezogen. Nur in einem Punkte hatte er meinen Befehlen nicht gehorchen können. Er hatte sich nur zwei, statt drei Tagemärsche von Kum-tschappgan entfernt, aber er war völlig entschuldigt, denn der neugebildete See, der uns so viel Abbruch getan hatte, hatte auch ihm Halt geboten.

Tschernoff und Tokta Ahun hatten ganz in der Nähe des Punktes, wo wir im vorigen Jahre das Ufer erreicht hatten, ein Hauptlager aufgeschlagen, eine Hütte erbaut, Massen von Enten in Schlingen und Fische in ausgelegten Netzen gefangen und reichliche Vorräte an Schafen, Hühnern, Eiern, Mehl, Brot und Mais mitgebracht. Aus einem Fischerdorfe hatten sie zwei große und einen kleinen Kahn mitgenommen.

Ein ganzes Landgut war in der Einöde entstanden. Jeden Abend, sobald es dunkel war, hatten sie auf dem Hügel, von dem ich im Jahre 1900 die gesegneten Wasserflächen des Kara-koschun zuerst erblickt hatte, ein gewaltiges Feuer angezündet. Mehrere Fischer aus Kum-tschappgan waren mitgekommen und trugen das Brennholz auf den Hügel, so daß Tschernoff es abends nur anzuzünden brauchte. Wir hatten des Nebels wegen ihr Feuer nicht gesehen, und sie hatten unsere Feuer nicht erblickt. Und doch betrug die Entfernung zwischen ihrem Lager und dem Punkte, wo uns zuerst der kleine Wasserarm den Weg abgeschnitten hatte, nur 3 Kilometer!

Inzwischen hatten sie in Erwartung unserer Ankunft 12 Tage lang ein idyllisches Leben geführt, Fuß- und Rudertouren unternommen, gejagt und gefischt, bis eines schönen Tages der gute Chodai Kullu aus der Wüste aufgetaucht war und ihrem friedlichen Leben mit einem Male ein Ende gemacht hatte. Sie hatten noch in derselben Stunde eingepackt und sich mit Chodai Kullu als Führer eiligst aufgemacht, um uns zu suchen — und nun hatten sie uns endlich gefunden. Beim Aufbruch hatten sie sich auf eine lange Reise vorbereitet, denn Chodai Kullu hatte richtig gemeldet, daß ich mich schon mit dem Gedanken trüge, den See längs des Südufers zu umgehen.

Nachdem wir eine Weile geplaudert hatten und beiderseitig von allem Geschehenen unterrichtet waren, brachen wir auf, um südwärts nach einem Tümpel zu ziehen, der von unserem Lager am 20. März nicht weit entfernt lag. Unterwegs fischten wir auch Chodai Kullu auf, der auf einem Grasbüschel saß und bitterlich weinte, als er mich erblickte, — so überwältigte ihn jetzt die Erinnerung an die Schicksale, die er während seines fünftägigen Suchens nach der Hilfsexpedition durchgemacht hatte. Er war immerfort gegangen und schließlich voll Verzweiflung über mehrere Seen geschwommen. Am dritten Tage saß er müde und niedergeschlagen am Ufer eines derselben, als eine Schar Enten über ihm hinwegsauste. Wie durch ein Wunder fiel eine von ihnen mit gebrochenem oder gelähmtem Flügel gerade vor ihm nieder. Wie ein Raubtier stürzte er sich auf sie und aß sie, roh wie sie war, ganz und gar auf. Durch dieses Mahl gestärkt, hatte er noch zwei Tage gehen können und schließlich diejenigen gefunden, die er suchte.

An mehreren Stellen hatte er Spuren von Faisullahs Karawane gesehen und daraus geschlossen, daß alle am Leben waren, auch die drei Pferde und die drei Hunde, nach denen ich mich ganz besonders sehnte. Dann aber hatte die Spur das Ufer verlassen und war wieder in die Wüste hineingegangen, als ob der alte Führer Faisullah gar nicht mehr gewußt, wohin er sollte.

Sobald Tokta Ahun dies erfahren hatte, bot er Leute in zwei Partien, eine aus Kum-tschappgan und eine aus Abdall, auf und schickte sie nordwärts in die Wüste hinein, um die Verirrten zu suchen. Von Faisullah wußten wir nichts und schwebten seinetwegen in größter Unruhe. Seine Karawane hatte alles, was wir während der Reise erworben hatten, außer den Karten bei sich: alle Sammlungen, photographischen Platten, Schnitzereien und einen Teil der Manuskripte. Sollte dies alles verloren sein? Tokta Ahun beruhigte mich jedoch und sagte, daß die Entsatzexpeditionen Faisullah, der überdies ein kluger, vorsichtiger Mensch sei, schon finden würden.