Die Folge davon war natürlich, daß wir zu spät kamen. In dem matten Lichte des verschleierten Mondes sahen wir gerade noch, wie einige dunkle berittene Gestalten davonsprengten und zwei Pferde vor sich herjagten. Einen Augenblick darauf verschwanden sie hinter den Hügeln. Eine ihnen von Schagdur nachgeschickte Kugel richtete keinen Schaden an. Er, der Lama und Ördek verfolgten die Spur, während ich im Lager blieb, das vielleicht von einer ganzen Bande umringt war. Nach einer Stunde kehrten sie zurück, ohne etwas Weiteres gehört oder gesehen zu haben.
Jetzt berieten wir uns sofort über die Sachlage. Zunächst zählten wir unsere Tiere; alle Maulesel und die beiden schlechtesten Pferde waren noch da und weideten in größter Ruhe. Aber die beiden besten Pferde, mein lieber Schimmel und Schagdurs Falbe, waren fort. Aus den Spuren ergab sich, daß die Räuber drei berittene Männer gewesen waren, die sich, direkt gegen den Wind, an das Lager herangeschlichen hatten. Sie waren zu Fuß gegangen und hatten ihre Pferde in einer gut versteckten Bodensenkung geführt, in der zuzeiten Wasser nach dem großen See strömt. Von dort war einer der Männer allein auf allen vieren weiter gekrochen, bis er sich ganz in der Nähe der hintersten Pferde befand. Er hatte sie durch sein Aufspringen scheu gemacht und nach dem Ufer hinabgejagt, wo ihm die beiden anderen Männer mit den tibetischen Pferden entgegengekommen waren. Alle waren im Handumdrehen aufgesessen und dann über die Hügel gejagt, bei denen sie schon angekommen waren, als wir, noch ganz schlaftrunken, aus dem Zelte stürzten.
Ich glaube nicht, daß ich mich in meinem ganzen Leben je so geärgert habe wie diesmal. Sich seine Pferde vor der Nase der Nachtwache fortstehlen zu lassen, wenn man obendrein noch zwei große, bissige Hunde hat! In der ersten Wut wollte ich die ganze Reise nach Lhasa bis auf weiteres aufschieben und die Diebe ihren Streich teuer bezahlen lassen. Ich wollte sie wochenlang verfolgen, bis wir sie in Sicht hätten, und sie dann ebenso überfallen. Den einfältigen Ördek, der früher stets so tüchtig gewesen war, auszuzanken, vergaß ich dabei vollständig. Aber sein Mut beschränkte sich auf die Wüsten und andere unbewohnte Gegenden, und er mochte gewissermaßen recht darin haben, daß Menschen von allem, womit man zu tun haben kann, das Schlimmste sind, viel schlimmer als Tiger und Sandstürme.
Nach und nach bekämpfte ich meinen Verdruß und erwog mit wiedergewonnener Ruhe unsere Lage. Wir folgten der Spur noch einmal bis auf die Höhen der Hügel, wo sie im harten Gruse verschwand. Schagdur wollte sich durchaus auf die Verfolgung machen, das Magazingewehr brannte ihm in den Händen. Er wollte sein Pferd, das er die ganze Zeit wie sein Kind gepflegt hatte, unter keiner Bedingung einbüßen. Doch auch er beruhigte sich, als ich ihn daran erinnerte, daß diese Männer, waren sie nun gewerbsmäßige Räuber oder nur Yakjäger, die sich die Gelegenheit nicht hätten entschlüpfen lassen wollen, ganz gewiß nicht vor dem nächsten Abend Halt machen würden. Wir hatten gar keine Aussicht, sie mit unseren müden Tieren einzuholen; sie hatten unsere besten Pferde, die ledig liefen, genommen, und ihre eigenen waren ganz gewiß kräftig und an die Bergluft gewöhnt.
Ferner kannten sie das Terrain, wir aber nicht. Sie konnten den Flußlauf und Schuttbetten, wo sich keine Spur verfolgen ließ, benutzen und uns auf diese Weise leicht irreführen.
Und schließlich, wenn zwei von uns die Verfolgung aufnahmen und zwei zurückblieben, so zersplitterte sich unsere kleine, an und für sich zu schwache Truppe, und die Klugheit verbot uns entschieden, einen so abenteuerlichen Plan auszuführen. Wir mußten froh sein, daß die Diebe sich mit zwei von unseren Tieren begnügt hatten, und ich tröstete Schagdur mit der Bemerkung, daß ich, wenn ich einer der Tibeter gewesen wäre, alle unsere Tiere gestohlen hätte, um uns jegliche Verfolgung ganz unmöglich zu machen.
Wir hatten eine nützliche Lehre und eine Warnung bekommen! Aus dem Scherz war auf einmal Ernst geworden; hier galt es mehr als je die Augen offenzuhalten! Mitten zwischen diesen öden, stillen Bergen war eine Räuberbande, wie Gespenster in der Nacht, aus dem Schutze der Erde aufgetaucht; nicht einmal die Hunde hatten etwas gemerkt. Mit den Yakjägern vom Lager Nr. 38 hatten die Diebe vermutlich nichts gemein, dagegen ist es wahrscheinlich, daß die von Sirkin in unserem Tale gesehene Spur und der von den Muselmännern gehörte Schuß auf irgendeine Weise mit unseren nächtlichen Gästen in Zusammenhang standen. Sie hatten uns gewiß keinen Augenblick aus den Augen verloren, sie hatten sich vor der großen Karawane nicht sehen lassen wollen und hatten in irgendeinem versteckten Tale gelagert, aber stets auf eine Gelegenheit zum Überfall gelauert, die sich ihnen früher oder später darbieten mußte. Sodann hatten sie unsere kleine Pilgerschar beobachtet, waren uns von fern, durch Hügel verdeckt, gefolgt, hatten uns wie Wölfe umlauert und waren jetzt vom Sturm unterstützt worden.
Sicher war diese Erfahrung für uns nützlich. Mit einem Schlag waren wir uns über unsere Lage klar und erkannten, daß wir künftig auf dem Kriegsfuß leben und jeden Augenblick auf einen Überfall gefaßt sein mußten.
Ein kleines Feuer wurde vor dem Zelte angezündet; dort ließen wir uns nieder. An Schlaf war diese Nacht nicht mehr zu denken. Die Pfeifen wurden hervorgeholt, wir hüllten uns in unsere Pelze und plauderten, während der Mond von Zeit zu Zeit zwischen unheildrohenden Wolken hervorguckte. Dann wurde Tee gekocht, der nebst Reis und Brot unser Frühstück bildete. Beim ersten Tagesgrauen erhoben wir uns und rüsteten uns zum Aufbruch. Ich nahm den zweiten großen Schimmel, Schagdur Ördeks Pferd; der Lama hatte seinen Maulesel behalten.
Als die Sonne aufging, saß der arme Ördek weinend am Feuer. Er war ganz außer sich vor Angst, jetzt allein und unbewaffnet die 70 Kilometer nach dem Lager Nr. 44 zu Fuß zurücklegen zu müssen. Er bat und flehte, uns begleiten zu dürfen, und versprach, ein andermal besser aufzupassen; als ich aber unbeweglich blieb, bat er um den Revolver. Doch das nächtliche Abenteuer hatte uns gelehrt, daß es nicht ratsam war, in diesem Land ohne Waffen zu reisen.