Das Terrain ist in dieser Gegend vorzüglich, und wir legten auf dem festen Boden mit größter Leichtigkeit beinahe 40 Kilometer zurück. Die Hügel und Täler, die wir hierbei passieren, sind arm an Gras, aber desto reicher an Kulanen und Yaken, die bei verschiedenen Gelegenheiten zu Hunderten auftraten. Sie nehmen aber auch mit Moosen und Kräutern vorlieb, die unsere zahmen Tiere nicht fressen würden. Spuren von Menschen fehlen noch. Von Zeit zu Zeit reitet einer von uns auf den nächsten beherrschenden Hügel hinauf, um Umschau zu halten. Jetzt würden wir freilich, wenn wir Reiter oder ein Nomadenlager sähen, als ehrliche Pilger direkt dorthin reiten, aber wir mußten doch Ördek Gelegenheit geben, vorher unbemerkt zu verschwinden und nach dem Lager Nr. 44 zurückzureiten.
Die Richtung ist Ostsüdost. Im Osten erhebt sich ein gewaltiges Schneemassiv, und diesseits desselben liegt ein See von reinblauer Farbe. Am Seeufer, längs dessen wir nach Südosten hatten ziehen wollen, stiegen senkrechte, wie immer ziegelrote Sandsteinfelsen, das gewöhnliche Kennzeichen der tibetischen Landschaft, unmittelbar aus dem Wasser empor. Sie zwangen uns zu einem verdrießlichen Umwege nach Südwesten über beschwerliche Hügel, hinter denen wir wieder ans Ufer gelangen und an ihm auf viel bequemerem Terrain weiterziehen konnten. Konzentrisch längs des Ufers geordnete Absätze und Wälle lassen auf den ersten Blick erkennen, daß dieser Salzsee im Austrocknen begriffen ist.
Allzuweit konnten wir nicht reiten, um unsere schon angegriffenen Tiere nicht zu ermüden, und es wurde Zeit, ans Lagerschlagen zu denken. Trinkwasser schien es in der Nähe dieses Salzsees nicht zu geben. Wir folgten einem Kulanpfade zwischen zwei Uferwällen in der Hoffnung, daß er uns zu einer Quelle führen würde.
Im Süden des größeren Sees schimmerte jetzt der Spiegel eines kleineren Gewässers, das merkwürdigerweise süß war, obgleich seine Ufer ebenso flach und kahl aussahen. Obschon es hier sowohl mit der Weide wie mit der Feuerung schlecht bestellt war, wählten wir hier doch einen Platz für das zweite Nachtlager aus.
Der Lama fühlte sich besser, und die Stimmung war sehr gut. Wir saßen plaudernd um das Feuer und entwarfen unsere Pläne für die Weiterreise nach der heiligen Stadt. Ich berechnete die Marschroute des Tages und teilte den anderen mit, wie lang unser Weg noch sei. Der Lama erzählte von der Strenge, mit der die Tibeter in Nakktschu alle Pilger, die aus der Mongolei kommen, untersuchen. Wir hielten es daher für das Klügste, diesen Ort zu vermeiden und uns auf gebahnten oder ungebahnten Wegen nach dem Ostende des Tengri-nor zu begeben, um von dort nach dem Passe Lani-la zu gehen. Wir würden auf diese Weise die großen Pilgerstraßen zwischen Nakktschu und Lhasa erreichen und unter den übrigen Pilgern verschwinden.
Darauf folgte eine komische Szene. Mein Kopf sollte rasiert werden. Ich setzte mich neben dem Feuer auf die Erde, und Schagdur hauste mit der Schere wie ein Vandale in meinen Haaren. Nachdem ich auf diese Weise geschoren war, wurde mein Kopf eingeseift. Ördek kam mit dem Rasiermesser, und nach einer Weile glänzte mein Schädel wie eine Billardkugel. Schagdur und der Lama schauten zu und fanden die Situation höchst interessant. Schließlich nahm ich selbst den Schnurrbart vor, der ebenfalls ohne Erbarmen entfernt wurde, obgleich ich es eigentlich für jammerschade hielt, mein sonst ganz vorteilhaftes Aussehen auf solche Weise zu verschimpfieren. Ich tröstete mich damit, daß ich die Brauen und Wimpern behalten durfte.
Nachdem die Verwüstung so über mein Haupt hingegangen war, sah ich gräßlich aus. Doch hier war ja niemand, mit dem ich zu kokettieren brauchte, und es war schließlich einerlei, wie man in diesen ebenso glattrasierten Gebirgsgegenden aussah.
Meine Behandlung war jedoch noch nicht fertig. Wie ein alter, geübter Quacksalber begann der Lama mit sachverständiger Miene unter seinen Papieren, Beuteln und Medikamenten umherzusuchen und schmierte mir dann das Gesicht mit Fett, Ruß und brauner Farbe ein. Bald war das Werk getan, und nun glänzte ich wie eine Kanonenkugel in der Sonne. Ein kleiner Handspiegel überzeugte mich, daß ich wirklich schön echt aussah. Mir konnte vor mir selbst Angst werden, und ich mußte eine gute Weile in das Glas starren, ehe ich völlig davon überzeugt war, daß dieser mongolische Pavian wirklich mit meiner eigenen Person identisch war. Als die Salbe trocken war, nahm meine Haut eine mehr grauschmutzige Schattierung an.
Unser Lagerplatz lag offen auf der schmalen Landenge zwischen den beiden Seen; nur im Südwesten erhoben sich einige niedrige Hügel. Die Gegend konnte für vollkommen sicher gelten, denn weder alte noch frische Menschenspuren waren irgendwo zu sehen, und die Hunde verhielten sich ruhig. Gegen 5 Uhr erhob sich ein Nordsturm, der Wolken von Sand und Staub über den Salzsee und unser Lager jagte. Wir nahmen unsere Zuflucht zu der Jurte, und bereits um 8 Uhr fanden wir, daß es Schlafenszeit sei, und krochen auf dem Filzteppiche des Zeltes in unsere Pelze. Ördek bewachte die Pferde und Maulesel ungefähr 200 Schritte vom Lager entfernt. Er sollte die ganze Nacht wachbleiben, damit wir noch einmal gründlich ausschlafen könnten; am Morgen sollte er dann auf einem der vier Pferde nach dem Lager Nr. 44 zurückreiten.
Um Mitternacht wurde das Zelttuch auseinandergeschlagen. Ördek steckte den Kopf herein und flüsterte mit angsterfüllter Stimme: „Bir adam kelldi“ — ein Mann ist gekommen! Seine Worte wirkten wie ein Donnerschlag. Alle drei stürmten wir mit den Flinten und dem Revolver in die Nacht hinaus ([Abb. 246]). Der Sturm tobte noch immer, und der Mond schien bleich durch zerrissene, schnell hinjagende Wolken. Ördek zeigte uns den Weg und berichtete, daß er zwischen den am entferntesten weidenden Pferden eine dunkle Gestalt habe umherhuschen sehen. Dies hatte ihn so erschreckt, daß er nach dem Zelte gelaufen war, anstatt Alarm zu schlagen.