Das Lager Nr. 44 verschwand hinter den Hügeln, und wir trabten schnell talabwärts. Würden wir diesen friedlichen Ort je wiedersehen? Ich zweifelte nicht an der mächtigen Hand, die bisher stets meine Schritte, durch Wüsten und über Berge, gelenkt hatte. Schagdur schwelgte förmlich in dem Gedanken an das beginnende Abenteuer. Der Lama war ruhig wie ein Stoiker, und als ich ihn der am Kum-köll getroffenen Verabredung gemäß fragte, ob er im Lager zu bleiben wünsche, wollte er nichts davon hören; jetzt wolle er mich nicht verlassen, sondern mit mir ziehen, wenn es ihm auch das Leben kosten sollte.

Schagdur ritt einen Falben, der Lama den kleinen, dreisten Maulesel, der im vorigen Jahr, bei dem See, wo die Leute die beiden Denkmale errichteten, beinahe verlorengegangen wäre. Meine beiden Reisegefährten führten die Lasttiere, und Ordek, der eines der Pferde ritt, hatte ein Auge auf die Lasten. Er sollte uns die beiden ersten Tagereisen begleiten, um nachts die Tiere zu bewachen. Noch drei Nächte würden wir drei Pilger also ordentlich ausschlafen können, ehe die Aufgabe, unsere Tragtiere zu bewachen, uns selbst zufiel.

Ein paar Stunden weit begleiteten uns Turdu Bai und Tscherdon. Dann kehrten auch sie nach einem letzten Lebewohl um. —

Das Flußtal ist eng und zwischen steilen Hügeln eingeschlossen. Den Fluß überschritten wir schon zu Anfang neunmal. Die ganze Landschaft leuchtet rot, denn hier haben wir roten Sandstein, der derartig verwittert ist, daß man ihn selten als anstehendes Gestein antrifft. Grus und Blöcke sind dafür um so häufiger.

Am rechten Ufer, wo eine gute Furt durch zwei kleine Steinmale bezeichnet war, sah man Spuren eines Jägerlagers. Drei rußige Steine bildeten eine Unterlage für einen Kochtopf. Auch ein noch nicht lange erlegter, aber jetzt ganz zusammengetrockneter Yak legte von menschlichen Besuchen Zeugnis ab. Ein Bär war gestern oder heute hier gewesen und hatte den Kadaver umgedreht.

Nachdem wir den Fluß noch ein paarmal gekreuzt haben, mündet unser Tal in weites, offenes, nur in der Ferne von Bergen begrenztes Terrain aus. Der Fluß durchzieht diese Ebene nach Nordosten, während wir den Weg nach Südosten einschlagen. Im Norden steht die vor kurzem überschrittene, so schwer zugängliche Bergkette mit zwei Pässen.

An Wild sahen wir zahlreiche Kulane, Hasen und Murmeltiere, sowie einen Wolf; später machten die Hunde noch einen Rundtanz mit einem alten Yak, den sie aufgespürt hatten. An einem offenen Quellbecken (Namaga), wo das Gras üppig stand, schlugen wir Lager, denn einer der Maulesel begann bedenklich zu hinken. Ich zündete Feuer an, indes die Männer die gröberen Arbeiten besorgten; Pferde und Maulesel wurden mit einem Stricke zwischen Vorder- und Hinterbein geknebelt, was sie verhindern sollte, sich allzuweit zu entfernen.

Darauf wurde das einfache Mahl von gebratenem Fleisch, Reis, Brot und Tee zubereitet; beim Essen bedienten wir uns der Hände, der chinesischen Stäbchen und einer kleinen mongolischen Holztasse — Luxusartikel, wie Gabeln und Löffel, enthielten unsere Kisten nicht. Nur der Lama hatte keinen Appetit; er litt an heftigen Kopfschmerzen und befand sich wirklich schlecht. Es wäre doch hart, wenn er jetzt, da wir ihn so weit gebracht hatten, nicht imstande sein würde, die Reise mitzumachen; es stand aber zu befürchten, daß er mit Ördek würde umkehren müssen.

Ich lag noch eine Weile auf der Erde und ließ mich von der Abendsonne bescheinen, doch um 8 Uhr gingen wir zur Ruhe, weil wir nichts weiter zu tun hatten. Ördek hütete die Tiere, aber die drei Pilger schliefen zum ersten Male brüderlich zusammen in ihrem Wallfahrtszelte. Der Mond schien über der stillen Gegend; es war ein Segen, daß wir während dieser Nächte sein Licht hatten.

In diesem Lager wurde beschlossen, daß Ördek uns noch einen Tag begleiten sollte, denn dem Lama ging es sehr schlecht; er schwankte im Sattel und mußte oft absteigen, um eine Weile auf der Erde zu liegen.