238. Endlich in einer Gegend mit gutem Wasser. ([S. 150].)
Schließlich sprach ich mit Sirkin allein und erklärte ihm die ganze Tragweite des Wagnisses, in das wir uns stürzten. Er hörte schweigend zu, schüttelte aber langsam den Kopf.
„Wenn wir in dritthalb Monaten nicht wieder hier sind“, sagte ich, „so müßt ihr aufbrechen und nordwärts nach Tscharchlik ziehen, von dort aber nach Kaschgar zurückkehren.“
Ich glaubte allerdings nicht, daß man uns totschlagen würde, aber jedenfalls mußte ich mich auf alle Möglichkeiten vorbereiten und solche Anstalten treffen, daß meine Karten und Aufzeichnungen um jeden Preis gerettet würden. Sirkin erhielt den Schlüssel zur Silberkiste, damit er in Tscharchlik eine neue Karawane ausrüsten konnte. Er bekam die Übersichtskarte über den von uns zurückgelegten Weg, und im übrigen würde ihr Ortssinn die Leute nicht im Stiche lassen; sie würden sich ohne Schwierigkeit zurückfinden. Es war freilich wenig wahrscheinlich, daß ein einziges Kamel noch eine solche Reise überleben würde, aber einige der Pferde sollten sie doch wohl aushalten können, und Sirkin wußte, welche Kisten um jeden Preis gerettet werden mußten. Wie lange sie auch im Lager Nr. 44 bleiben würden, stets sollte Tag und Nacht strenge Wache gehalten werden. Besonders da, wo die Tiere weideten, sollten sich stets einige bewaffnete Leute mit ein paar Hunden befinden.
Dann ging ich zum letztenmal unter „zivilisierten“ Verhältnissen zu Bett, schlief sofort ein und erwachte nicht eher, als bis Schagdur kam, um mich zu dem verhängnisvollen Aufbruch zu wecken.
Vierzehntes Kapitel.
Aufbruch nach Lhasa.
Eiligst kleidete ich mich in den mongolischen Anzug und wurde vom Scheitel bis zur Sohle ein Mongole ([Abb. 245]). Die während des Rittes zu gebrauchenden Instrumente, sowie Tabak und Fernglas wurden in ihren Verstecken untergebracht. Schon vom ersten Augenblick an fühlte ich mich in meinem mongolischen Rocke sehr gemütlich; er saß weich und gut, und das einzige, was ich entbehrte, waren die vielen Taschen, die ich in meinem Ulster hatte. Der Kompaß und das Marschroutenbuch wurden einfach vorn in den Rock gesteckt und von der gelben Leibbinde festgehalten. Auf dem Kopfe trug ich eine gelbe Mütze mit aufgekrempeltem Vorderrand. Die dicken, plumpen Mongolenstiefeln, mit denen ich schon lange gegangen war, damit sie genügend getragen und abgenutzt aussähen, paßten mir vortrefflich und waren infolge ihrer dicken Sohlen und aufwärtsgekehrten Spitzen auf feuchtem Terrain außerordentlich praktisch. Der Rock selbst hatte eine tiefdunkelrote Farbe. Der gelbe Pelz war heute morgen nicht nötig, da die Sonne sehr freundlich schien und Fliegen und Schmetterlinge die Luft erfüllten.
Ich sollte meinen Schimmel reiten, der jetzt schon lange wiederhergestellt war, und war gerade dabei, meinen weichen, bequemen Mongolensattel zurechtzurücken, als Sirkin von hinten kam und mich auf Mongolisch anredete. Er stockte jedoch sofort in seiner Rede und war ganz verdutzt, als er sah, daß ich es war; er hatte geglaubt, es sei der Lama. Ich fühlte mich durch diesen Irrtum außerordentlich geschmeichelt; meine Verkleidung konnte also entschieden für genügend gelten.
Jetzt wurden alle Hunde angebunden, außer Malenki und Jollbars, die uns freiwillig folgten. Unsere kleine Karawane wurde beladen, wir stiegen zu Pferd und ritten ab. Der Abschied rief viele Tränen hervor; Sirkin wandte sich ab, um seine Rührung zu verbergen, Hamra Kul aber weinte laut wie ein Kind und begleitete uns noch etwas zu Fuß, mit seinen großen Stiefeln ganz unbekümmert durch den Fluß watend.