Ich holte die von mir nach und nach zusammengestellte Übersichtskarte herbei und rief ihnen jeden Lagerplatz, auf dem wir seit Tscharchlik gerastet, ins Gedächtnis. Dann prophezeite ich ihnen, wie ihre verrückte Wanderung ablaufen würde. Zuerst würde Mollah Schah, der ein alter Mann sei, zusammenbrechen und zurückgelassen werden, denn er werde doch wohl nicht glauben, daß die beiden anderen einen Kranken auf dem Pferde mitschleppen würden. Dann werde die Reihe an Li Loje kommen, der nicht übertrieben kräftig sei. Hamra Kul würde freilich, sagte ich, da es das Leben gelte und er ein starker, kräftiger Mann sei, Tscharchlik erreichen können. Erreichen aber werde er es nie, denn er werde vorher im Arka-tag von Wölfen überfallen und zerrissen werden. Ich wünschte ihnen jedoch eine glückliche Reise und sagte, ich wollte hoffen, daß Allah seine schützende Hand über ihnen halte.

Sei es, daß diese Schilderung tiefen Eindruck auf sie machte oder daß sie von selbst wieder zur Vernunft kamen, genug, abends erschienen sie als Büßer in meinem Zelte, fielen vor mir auf die Knie und flehten mich an, sie um Gotteswillen hierzubehalten, was ihnen auch in Gnade bewilligt wurde. Ich bin mir nie darüber klar geworden, was für ein böser Geist eigentlich in sie gefahren war, und ich war zu sehr mit meinem eigenen gewagten Plane beschäftigt, um zu versuchen, den Grund zu erforschen. Sie selbst versicherten, die Veranlassung sei nur Heimweh und nicht Furcht vor den Tibetern gewesen, aber Sirkin hatte am selben Tage in einem hinter dem Lager befindlichen Tale die frischen Spuren eines Mannes gesehen, der teils gegangen, teils geritten war, und die Hunde hatten die letzten Nächte wütend gebellt. Es wurde schon im Lager geflüstert, daß wir von Tibetern beobachtet und bewacht würden. Ich glaubte indessen nicht daran, denn Kulane zeigten sich oft bald auf dem einen, bald auf dem anderen Hügel, und die beobachteten Spuren konnten recht gut von ihnen herrühren. Etwa zwanzig Raben kreisten wie schwarze Furien über dem Lager. Unter den ernsten Verhältnissen, in denen wir jetzt lebten, erschienen sie uns abscheulicher als sonst.

234. Berg beim Lager Nr. 16. ([S. 126].)

235. Das Steinmal auf dem Knotenpunkte bei Lager Nr. 24. ([S. 137].)

236. Weidende Kamele. ([S. 141].)

237. Sirkin mit meinem alten Reisekameraden von 1896. ([S. 144].)