Es wurde ein kurzer Marsch, kaum drei Kilometer; das Tal fällt ziemlich rasch ab, und der Fluß bildet schäumende Stromschnellen. Er wird unaufhörlich überschritten. Auf den Uferhügeln wird die Weide immer besser, sie ist jedoch nicht gleichmäßig verteilt, sondern bildet besonders da, wo die Abhänge der Südsonne ausgesetzt und vor den kalten Nordwinden geschützt liegen, kleine Rasenflecke von üppigem, saftigem Grase.

Auf dem flachen Gipfel eines Hügels am linken Ufer des Flusses wurde der wichtige Lagerplatz in 5127 Meter Höhe ausgewählt, wo wir uns unter so eigentümlichen Verhältnissen trennen sollten. Die Weide war hier gut genug, aber vom strategischen Gesichtspunkte aus war die Lage unvorteilhaft. Die Aussicht wurde auf allen Seiten von Hügeln versperrt, die den Lagerplatz beherrschten, und wenn irgendein räuberischer Tangutenstamm auf den Gedanken verfiele, feindselig vorzugehen, würde sich hier ein Überfall mit größter Leichtigkeit ausführen lassen.

Während der beiden Tage, die ich noch im Lager Nr. 44 weilte, wurden die letzten Vorbereitungen zur Abreise getroffen. Die Tiere, die uns begleiten sollten, fünf Maulesel und vier Pferde, wurden mit besonderer Sorgfalt gepflegt und durften die letzten Reste des noch vorhandenen Maises verzehren. Ihre Hufe wurden neu beschlagen, ihre Sättel und Decken ausgebessert.

Alles Gepäck, das wir mitnehmen wollten, wurde in zwei mongolischen Kisten untergebracht. Von den Instrumenten waren es nur 3 Kompasse, 2 Uhren, 1 Aneroid, 2 Thermometer, 3 Paar Schneebrillen und die Veraskopkamera mit 8 Dutzend Platten. Ferner folgende absolut notwendige Dinge: das Blatt Lhasa der asiatischen Karte des russischen Generalstabs, Notiz- und Marschroutenbücher in Miniaturausgaben, sowie Tinte, Papier und Federn, Zirkel, Rasiermesser und Seife, denn jetzt galt es, daß der ganze Kopf stets frisch rasiert blieb; andere Waschutensilien waren nicht nötig, im Gegenteil war es wünschenswert, möglichst schmutzig zu werden, um dadurch eine echtere mongolische Farbe zu erhalten. Eine Schere, eine Laterne, ein Beil, ein Dutzend Stearinlichter und einige Schachteln Zündhölzer, einige Medikamente, 10 Jamben in Silber, Pfeifen und Tabak gehörten zum Unentbehrlichen. Der Proviant bestand aus Mehl, Reis, Talkan und Fleisch. Zehn Konservendosen wurden für die ersten Reisetage mitgenommen; jede geleerte Dose sollte in Seen oder Flüssen versenkt werden, um, falls man uns beobachtete, nicht Verdacht zu erregen. Die Bewaffnung bildete ein russisches Magazingewehr, ein Berdangewehr und ein schwedischer Offiziersrevolver nebst 50 Patronen für jede Waffe. Einige Kleinigkeiten, welche die Mongolen ständig bei sich tragen, fehlten uns auch nicht. Auch ich trug einen Rosenkranz, ein Gavo (Amulettfutteral) mit Götzenbild um den Hals, ein am Gürtel hängendes Messer in Scheide, chinesische Elfenbeinstäbchen zum Essen, einen ledernen Tabakbeutel, ein Feuerzeug mit Stein und Zunder und die lange Pfeife ([Abb. 244]). An Kleidern, Stiefeln und Mützen hatte jeder von uns eine doppelte Ausrüstung, denn wir hatten alle Aussicht, bald durchnäßt zu werden. Alles, was Gefäß hieß, wie Kochtöpfe, Kannen, Tassen, war echt mongolisch. Das kleinste und leichteste Zelt wurde unsere Wohnung. Für die Nachtwache nähte der Lama einen prächtigen Mantel aus dickem weißem Filz, der sich später als sehr praktisch erwies.

Alle diejenigen Sachen, die bei den Tibetern sofort Verdacht erregt hätten, wurden in der einen Kiste unter dem Proviant verborgen. Vieles davon konnte ohne Bedauern ins Wasser geworfen werden, falls unsere Lage kritisch wurde. Dagegen müßte es uns schon sehr schlecht gehen, ehe ich mich von den Instrumenten und den gemachten Aufzeichnungen trennen würde. Für Uhr, Aneroid, Kompaß und Thermometer hatte ich besondere Taschen im Futter, die so gut versteckt waren, daß nur ein sehr dreister Untersucher imstande sein würde, sie zu entdecken.

Als alles bereit und die astronomische Beobachtung ausgeführt war, wurde die Abreise auf den 27. Juli festgesetzt.

Am letzten Abend verschloß ich meine kostbaren Kisten, außer derjenigen, in der die Chronometer in ihren Futteralen in Watte eingebettet lagen. Sirkin hatte lernen müssen, sie mit größter Vorsicht aufzuziehen, um sie bis zu meiner Rückkehr in Gang zu halten. Ja, vorsichtig war er, ganz übertrieben vorsichtig! Schon am ersten Abend nach unserer Abreise blieb der eine Chronometer stehen, weil Sirkin nicht gewagt hatte, ihn ganz aufzuziehen, aus Furcht, die Feder könnte springen. Dasselbe passierte am Tage darauf mit dem zweiten Chronometer. Es schadete jedoch nicht viel, denn durch Wiederholung der Beobachtungen im Lager Nr. 44 erhielt ich die Zeit später wieder.

Wie gewöhnlich, sollte das meteorologische Observatorium die ganze Zeit über von Sirkin besorgt werden, der zu diesem Zweck einen eingefriedigten Schuppen baute, in dem die Instrumente geschützt standen.

In Gegenwart aller wurde Sirkin feierlich zum Führer und Chef des Hauptquartiers ernannt; seinen Befehlen sollte geradeso gehorcht werden, als ob ich sie selbst erteilt hätte. Doch stand Turdu Bai als Sachverständigem das Recht zu, Vorschläge zum Aufbruche nach einem Punkte in der Nachbarschaft zu machen, sobald das Land um das Lager herum nahezu abgeweidet war. Er hielt es für angemessen, den ersten kurzen Umzug nach etwa zehn Tagen vorzunehmen; sie hatten überreichlich Zeit, sich die allerbesten Weideplätze in der Gegend auszusuchen. Infolgedessen würde das Lager Nr. 44 keine bleibende Statt haben. Damit wir Pilger bei unserer Rückkehr die Unserigen wiederfinden könnten, sollte auf dem ursprünglichen Lagerplatze ein Dokument mit Auskunft über das neue Lager, seine Richtung und seine Entfernung von ersterem, niedergelegt werden. Zogen sie wieder um, so sollte ein neues Dokument deponiert werden.

Ich redete mit jedem der Männer besonders und ermahnte sie, ihre Pflicht zu tun. Li Loje hatte jedoch seine eigenen Pläne. Nachdem er gebeten hatte, mich nach Lhasa begleiten zu dürfen, und dies ihm bestimmt abgeschlagen worden war, bat er, auf demselben Wege, den wir gekommen, über das Gebirge nach Tscharchlik zurückkehren zu dürfen, — 950 Kilometer! Mollah Schah und Hamra Kul wollten ihn begleiten. Da die Sache ein Stück aus dem Narrenhause war, erklärte ich ruhig, es stehe ihnen frei zu gehen, doch könnten wir unter den jetzigen Verhältnissen keine Pferde entbehren; nur Li Loje, der sein eigenes Pferd mitgebracht, könne also reiten. Proviant wolle ich ihnen geben, und Li Loje habe ja auch seine eigene Flinte.