Der Südabhang war zehnmal schlimmer; dort war es weder möglich, festen Boden zu finden, noch zu Pferd zu sitzen. Ein Mann geht voraus, um das Erdreich zu prüfen, ihm folgt Turdu Bai mit den Kamelen. Er eilt so schnell, wie er nur kann, vorwärts, damit die Kamele nicht zu tief in den Schlamm einsinken können. Das nützt ihm jedoch wenig. Gebrüll ertönt; ein Seil hat sich gespannt und ist gerissen, ein Kamel ist im Versinken begriffen. Alle Mann müssen ihm heraushelfen, nachdem ihm die Last abgenommen worden ist; dann schreitet der Zug weiter. Es ist ein Wunder, daß es gelingt, denn das Kamel sinkt bis an die Knie in den Schlamm ein, der jetzt so dünnflüssig ist, daß sich die Gruben sofort wieder schließen. Der Regen gießt herab, und die dämmerungsdunkeln Wolken lassen nirgends ein Aufhellen ahnen. Ein Maulesel bleibt in einem Sumpfloche stecken und kann nur mit Mühe gerettet werden. Von Menschen und Tieren rieselt und tropft das Wasser herunter, und alle atmen mühsam und schwer. Ein hoffnungsloses Land! Nicht genug damit, daß uns hier die Menschen den Zutritt verweigern, auch die Elemente und die Erde verschwören sich, um uns totzuquälen, bevor wir die erfrischenden Weidegründe und die belebende Ruhe erreicht haben, von denen wir nachts träumen! Wie würde es Tschernoffs elf schlechten Kamelen hier ergehen? Ich machte mich mit dem Gedanken vertraut, daß kein einziges von ihnen die beiden Pässe und den Morast, der mit jedem Regentage immer schlimmer wurde, überleben würde.
Endlich erreichten wir einen größeren Fluß. Woher er kam und wohin er strömte, konnten wir bei dem jetzt herrschenden, ungeheuer dichten Schneeregen nicht sehen. Was wir aber mit Befriedigung fühlten, war, daß sein Kiesboden wenigstens nicht nachgab und uns nicht, wie eben noch die Erde, zu verschlingen drohte. Alles war schon so durchnäßt, daß es nichts mehr machte, wenn wir auch noch in diesem Flusse plätscherten. Ein wenig weiter abwärts entdeckte ich auf dem rechten Ufer Gras und Schagdur einen großen Tonkrug. Der Lama war der Ansicht, daß seine Größe darauf schließen lasse, daß keine Nomaden in der Gegend wohnten, denn im anderen Falle würden sie sich nicht mit einem solchen Dinge geschleppt haben. Jäger, die auf ihren Gebirgswanderungen eines festen Lagerpunktes zum Ausruhen bedürfen, hätten den Krug hier ein für allemal zurückgelassen.
Wir waren eben mit dem Aufschlagen der Zelte fertig, als sich auch schon die nächste Regenbö einstellte. Arme Karawanentiere! Sie mußten die eiskalte Dusche über sich ergehen lassen.
Von den zurückgelassenen Kamelen konnte nur eines noch das Lager erreichen. Das andere war unmittelbar unter dem Schlammpasse geblieben, wo Hamra Kul die Nacht bei ihm zubringen wollte. Das Kamel steckte dort buchstäblich im Schlamm, und alle Versuche, ihm herauszuhelfen, waren fruchtlos geblieben. Es hatte seine Kräfte in der Verzweiflung aufs äußerste angespannt, war aber nur immer tiefer in den Morast geraten, der es nun festhielt. Hamra Kul ließ mich hiervon durch einen Kameraden benachrichtigen und mich zugleich fragen, was er tun sollte. Ich schickte zwei Männer mit Proviant und etwas Feuerung zu ihm. Sie sollten alle drei die Nacht bei dem verunglückten Kamele zubringen; am Morgen, wenn die obere Schicht des Bodens ein wenig erstarrt war, so daß man wie auf Eis an das Kamel herangehen konnte, sollten sie versuchen, ob sie es nicht mit Hilfe von Spaten und Filzdecken herauszuziehen vermöchten. Alle übrigen Leute sollten ihnen zu Hilfe kommen, da wir auf jeden Fall einen Tag liegenzubleiben beabsichtigten. Li Loje hatte nämlich nur einen Kilometer weiter flußabwärts viel bessere Weide gefunden, wohin die Tiere schon am Abend geführt wurden.
Alle Versuche, dieses an und für sich gesunde, fehlerfreie Tier zu retten, mißlangen. Es sank während der Nacht immer tiefer ein und wurde, wie die Leute meldeten, am Morgen, halb in diesem heimtückischen, verfluchten Boden festgefroren, tot gefunden. Nur einmal war es mir bisher passiert, daß uns ein Kamel in einem Sumpfe erstickt war, sonst war es uns stets geglückt, die Tiere noch zu retten. Der Leser kann sich einen Begriff von den Schwierigkeiten machen, die mit der Reise durch ein Land verbunden sind, in welchem sich die Erde auftut, um die Karawanentiere zu verschlingen! Mit jedem Tage wunderte ich mich immer mehr, daß die Kamele sich unter diesen fürchterlichen Strapazen noch so gut hielten.
Während des Ruhetages im Lager Nr. 43 gingen Sirkin und Schagdur auf die Jagd. Nachher berichteten sie, daß sie in einer Entfernung von nur 3 — 4 Kilometer talabwärts Hügel gefunden, die mit vortrefflichem Grase, besserem, als wir je gehabt hätten, bewachsen seien. Turdu Bai hielt sich fast den ganzen Tag draußen bei den Kamelen auf; er hatte sich den Genuß, sie wieder zu sehen, nicht verkürzen wollen. Er erklärte, daß die Weide hier in der Gegend für einen vollen Monat ausreiche und nur ein längerer Aufenthalt die Karawane retten könne. In aller Eile beschloß ich, am folgenden Tage, 24. Juli, nach den Weideplätzen, welche die Kosaken entdeckt hatten, aufzubrechen und dort das große Hauptquartier anzulegen. Dort sollte das Lager befestigt, eine astronomische Ortsbestimmung ausgeführt und die letzte Hand an unsere mongolische Ausrüstung gelegt werden, und von dort wollten wir in der Richtung nach Lhasa aufbrechen. Es war hohe Zeit! Einige Muselmänner hatten auf ihren Streifzügen nach Brennmaterial einen Flintenschuß gehört. Wir hatten vielleicht Nachbarn in der Gegend, und jetzt hieß es aufpassen.
Anfangs war es meine Absicht gewesen, auf dem Ritte nach Süden die beiden burjatischen Kosaken und den Lama mitzunehmen. Da jedoch unsere Ankunft von den Yakjägern, auf die wir so unerwartet gestoßen waren, ganz gewiß schon erzählt worden, wagte ich nicht, nur einen Kosaken im Hauptquartier zurückzulassen. Wenn es auch nicht wahrscheinlich war, daß die Tibeter unseren Rückzugspunkt angreifen würden, so erforderte es doch die Klugheit, auf jede Möglichkeit vorbereitet zu sein. Es konnte noch lange dauern, bis Tschernoff mit den Trümmern der Nachhut anlangte. Daher beschloß ich, auch Tscherdon zurückzulassen, der mit seinem Magazingewehre zur Sicherheit des Lagers beitragen würde. Es tat mir sehr leid, ihm dies mitteilen zu müssen, und ich hatte es möglichst lange hinausgeschoben. Ich wußte, daß es für ihn eine sehr große Enttäuschung sein würde, denn die Wallfahrt nach Dscho (Lhasa) ist in der lamaistischen Welt ebenso verdienstvoll wie der Titel eines Hadschi, eines Mekkapilgers, bei den Muselmännern. Doch ich tröstete ihn damit, daß es wenig wahrscheinlich sei, daß es uns gelänge, die Wachsamkeit, mit der die Tibeter jetzt ohne Zweifel ihre Stadt hüteten, zu täuschen, und versprach ihm, daß er vor dem Ende dieser Reise ebenso wie die anderen Gelegenheit haben sollte, einen Tempel zu besuchen.
Ein Kosak zeigt übrigens nicht, was er empfindet oder denkt, er antwortet nur: „Wie der Herr befehlen!“; der Wille des Vorgesetzten ist für ihn Gesetz. Doch ich wußte nur zu gut, daß diese Wendung der Dinge den guten Tscherdon sehr betrübte.
Für uns drei Pilger wurde die Sachlage dadurch ebenfalls anders — unsere Truppe verkleinerte sich um ein Viertel. Das Unternehmen war jedoch in jedem Falle so gewagt, daß es keine Rolle spielte, ob wir drei waren oder vier.
Viele Fragen stürmten auf mich ein, als wir am 24. Juli aufbrachen. War es das letztemal, daß ich in Gesellschaft meiner Karawane marschierte? Würde ich sie wiedersehen und würde dann im Lager alles ruhig sein?