Der Eisabhang wurde mit Sand bestreut; dann führten wir alle Tiere vorsichtig hinunter, um in der 20–40 Meter breiten Rinne zwischen den Eisbändern weiterzuziehen, wobei wir meistens im Flusse selbst gingen. Auf dem Talboden war es tüchtig naß; es spritzte und patschte um die Kamele. Von den Eisrändern tropfte und rieselte es im Regen, umsomehr als sich die Temperatur den ganzen Tag einige Grade über dem Gefrierpunkte hielt.
Wir waren schon eine Strecke weit in der Nässe gewatet, als wir Schagdur trafen. Fünf, sechs Kilometer könnten wir noch marschieren, sagte er, weiter aber nicht. Dort hörten die Eisbänder auf und ein Hohlweg beginne, in dem der Fluß zu einem tiefen, unpassierbaren Strom zusammengedrängt werde. Schagdur war mit seinem Pferde noch in ein Meter tiefem Wasser geritten, dann aber umgekehrt.
Da dazu kam, daß sich die Wassermenge des Flusses bis zum späten Abend stündlich vergrößern mußte, beschloß ich umzukehren. Man konnte ja in einer solchen Falle in eine, gelinde ausgedrückt, ungemütliche Lage geraten und von oben und unten abgeschnitten werden. Das Wasser würde nachdrängen und das Tal so füllen, daß wir auch nicht wieder zurückkönnten. Und Talerweiterungen, wo man die Kamele nach den Seiten hätte führen können, hatte der Späher nicht gesehen.
Also das Ganze kehrt gemacht und wieder zurück durch diese angenehme Passage mit ihren unzähligen Furten, Waken und Tümpeln. Jetzt war alles noch mehr durchweicht, und in den Spuren der Kamele hatte sich Wasser angesammelt. Überall rieselt und sprudelt es, und das Eis knackt und kracht. Es füllt im Winter ohne Zweifel das ganze Tal aus, wird aber von dem von den Gletschern gespeisten Flusse im Frühling schließlich durchbrochen. Es mag eigentümlich erscheinen, daß solche Eismassen bis Mitte Juli liegenbleiben können; doch dies hat seinen Grund teils in der absoluten Höhe, teils in der hohen, schützenden Bergwand, die sich auf der Südseite des Tales erhebt.
Da, wo die Richtung des Tales nach Südosten überging, verließen wir unsere Spur und gingen am Ufer des von rechts kommenden Nebenflusses hinauf. Damit der Nachhut unsere vergebliche, anstrengende Eiswanderung erspart bliebe, wurde in der Talbiegung ein Steinmal errichtet und davor an der Erde aus Steinstücken eine Pfeilspitze angebracht, die nach Südwesten zeigte.
Statt, wie wir gehofft, die Reise nach Süden und wärmeren Gegenden hinunter fortsetzen zu können, mußten wir wieder ein völlig unfruchtbares Tal hinaufziehen. Der Hagel schlug heftiger als je nieder. Es war ziemlich gleichgültig, wie die Gegend aussah, denn heute konnten wir nicht mehr weiter, und da es sich hier um einen neuen Paß handelte, war auch keine Hoffnung vorhanden, daß wir eher Weide finden würden als auf seiner anderen Seite.
Gegen Abend klärte sich der Himmel auf; ich lag auf meinem Bett, rauchte meine Pfeife und betrachtete die Kamele, die mit Engelsgeduld nach Gras suchten. Die Sonne sinkt, die Wolken färben sich rotbraun, und als es dämmerig wird, schmettern wieder schwere Regentropfen auf die schon feuchten Filzdecken der Jurte. Nun wird das Licht angezündet, die Arbeit geht weiter, und der Abend verfließt in gewöhnlicher Ruhe. Wir plaudern eine Weile in Sirkins Zelt und tauschen unsere Meinungen darüber aus, wie Tschernoff mit den erschöpften Kamelen der Nachhut hier durchkommen wird. Wir beraten auch über die Reise nach Lhasa. Sollten wir nicht einige Platz erfordernde Sachen, wie Stearinkerzen und den kleinen photographischen Apparat in dem Packsattel eines Maulesels durchschmuggeln können? „Nein“, erklärte der Lama, „hierzulande ist man nie sicher; sie stehlen uns vielleicht das ganze Tier mit Sattel und allem.“
Der nächste Tag brachte uns hinsichtlich der Terrainverhältnisse keine Änderung zum Bessern. Nachdem wir noch ein Steinmal errichtet hatten, schritten wir zu dem Passe hinauf, der von fern sehr leicht aussah, in Wirklichkeit aber schwerer zu übersteigen war als der vorige.
Ich ritt mit dem Lama in dem Flußbette aufwärts, das der einzige Weg mit festem Boden war; denn entfernt man sich nur ein wenig von ihm, so sinkt das Pferd in den Morast ein, und man muß schnell abspringen und versuchen, wieder auf tragfähigen Boden zu gelangen. Die Abhänge bestehen nach dem Flußbette zu aus einer breiähnlichen Schlammmasse, die, nach den oft vorkommenden Quer- und Randspalten zu urteilen, sich in wenn auch unmerklich gleitender Bewegung befindet. Die absolute Höhe, die recht fühlbare Steigung und der lose Boden könnten vereint auch die beste Karawane vernichten.
Zwei Stunden brauchten wir zum Hinaufreiten; nachher mußten wir dort zwei Stunden auf die anderen warten. Ein rasender Hagelsturm tat das Seine, den Boden noch mehr aufzuweichen. Es ist qualvoll anzusehen, wie die Kamele, wenn sie in den Brei einsinken, sich abmühen und abquälen, um sich wieder herauszuarbeiten. Nur fünfzehn erreichten den Paß, zwei waren mit je einem Manne zurückgelassen worden. Ihre Lasten übernahmen Pferde, deren Reiter zu Fuß gehen mußten.