Die Kamele müssen lange rupfend umhergehen, ehe sie so viel Gras im Maule haben, daß es sich des Kauens und Schluckens verlohnt. Das Gras ist zäh und hart, und die Wurzeln bleiben beim Rupfen daran sitzen, denn der Erdboden ist von den Niederschlägen aufgelöst.

Der Lama, der ein kluger Mensch ist, bemerkte ganz richtig, daß diese gigantische Bergkette für die Tibeter dieselbe Rolle spiele wie der Arka-tag für die Bewohner von Ostturkestan; sie ist eine Grenzmauer gegen das unbekannte, unbewohnbare Land, eine Grenze, die selten überschritten wird, und dann nur von Yakjägern. Zwischen dieser Kette und dem Arka-tag liegen die höchsten und unfruchtbarsten, daher auch am schwersten zugänglichen Teile von Tibet. Jetzt hatten wir noch 280 Kilometer bis nach dem Nordufer des Tengri-nor, und die ersten Lagerplätze der Nomaden konnten nicht mehr sehr weit sein.

Am Morgen des 21. Juli erwachte ich bei Schneetreiben. Kompakte, beinahe schwarze Wolkenmassen hängen längs des Kammes der ewigen Schneekette. Diese wird ganz von ihnen eingehüllt, und man würde von ihrem Dasein keine Ahnung haben, wenn nicht zwei Gletscherzungen, den Tatzen eines ungeheueren Eisbären vergleichbar, unter dem Saume des Wolkenmantels herunterhingen. Die Schneegrenze dürfte sich hier etwa 100 Meter über der Paßhöhe befinden. Trotz dieser bedeutenden absoluten Höhe kamen keine nennenswerte Fälle von Bergkrankheit vor. Nur Tscherdon, der Yaken nachgelaufen war, hatte Kopfweh.

Durch eine Hagelbö nach der anderen reiten wir zum Passe hinauf. Auf der rechten Seite mündet hier ein Nebental, und der vereinigte Fluß, der nun die Richtung nach Südost einschlägt, mußte uns den Weg nach tieferliegenden Gegenden mit Weideland zeigen. Wir beschlossen, ihm zu folgen, soweit er ging.

Gerade in dem Talknie lagen zwei gewaltige Eistafeln, in denen hier und dort Waken gähnten, unter denen man das Wasser des Flusses strömen sah. Manchmal muß man sich darüber wundern, daß die ziemlich gebrechlichen Eisbrücken nicht unter den Kamelen einstürzen. Bald wird das Eis zusammenhängender und dicker. Der Fluß strömt frei in der Mitte des Talbodens, und auf jeder Seite begleitet ihn ein ununterbrochenes dickes Eisband mit senkrechten oder überhängenden Wänden ([Abb. 242]).

232. Eine angeschossene Orongoantilope. ([S. 126].)

233. Erlegter tibetischer Bär. ([S. 127].)

Die Karawane ging auf der rechten Eisscholle, die bei einer Biegung des Flusses unterbrochen war, so daß wir auf den Schuttboden hinunter mußten. Die Eistafel war jedoch lotrecht und 1,97 Meter hoch, so daß alle Äxte, Stangen und Spaten in Tätigkeit gesetzt werden mußten, um einen Weg zu bahnen ([Abb. 243]). Diese Arbeit dauerte eine gute Stunde, während welcher Schagdur weiterritt. Mir sah diese Straße höchst bedenklich aus, denn das Tal verschmälerte sich immer mehr; wahrscheinlich war es ein tief eingeschnittenes Durchbruchstal, das uns nicht mehr herauslassen würde.