Unser Zug geht auf unfruchtbarem Boden nach Südosten weiter; Schnee und Hagel lassen uns wenig von den Umgebungen sehen — heute haben wir vollständigen Winter nach der gestrigen Sommerwärme. Auf dem linken Ufer des Flusses geht es immer höher hinauf. Yakdung lag überall, aber Herden sahen wir merkwürdigerweise nicht; wir hatten den Eindruck, daß sie kürzlich verscheucht sein müßten. Als Zeichen von Jägerbesuchen fanden wir an drei Stellen Feuerherde, von denen einer zehn Tage alt sein konnte und aus einigen kreisförmig aufgestellten Steinen bestand, in deren Mitte Asche lag. Ein schlanker Tonkrug war hier in Scherben gegangen; der Hals lag noch da.
Dreizehntes Kapitel.
Das Hauptquartier.
Noch einen Tag sollten wir uns nach immer höheren Regionen hinaufarbeiten, und es galt jetzt, die gewaltige Schneekette, die wir solange zur Rechten gehabt hatten, zu übersteigen.
Die Kamele halten sich tapfer, aber ihre Kräfte sind im Schwinden. Das Dromedar scheint der nächste Todeskandidat zu sein; es ist nur noch Haut und Knochen und weint abends schmerzlich. Trotzdem spannte es seine Kräfte aufs äußerste an und legte ehrenvoll die 19,1 Kilometer zurück. Als Abendmahlzeit hatte es ein paar gewaltige Weizenbrote, Heu aus einem Packsattel und ein paar Klumpen rohes Schaffett bekommen, das an stärkenden Eigenschaften alles übertreffen solle.
Die Sonne und die Hochalpenlandschaft wurden bald von undurchdringlichen Wolken verdeckt. Unsere Straße ging nach Südsüdwest, und das Unwetter kam uns gerade entgegen. Was nützt einem bei solchem Wetter ein Pelzbaschlik? Hagel und Schnee schlagen mir wagerecht ins Gesicht, bleiben im Pelz sitzen, schmelzen und rinnen mir am Halse hinunter. Manchmal muß man stehenbleiben und dem Unwetter den Rücken kehren, um Atem zu schöpfen. Die Gegend ist verborgen unter diesen scheußlichen Wolkenvorhängen, durch deren Hagelschauer wir reiten müssen. Es ist nicht leicht, unter solchen Umständen zu zeichnen und zu schreiben! Wenn es sich für eine Weile aufklärt, wundern wir uns, daß wir dem gewaltigen Gletschermassiv zur Rechten nicht sichtlich nähergekommen sind. Wir schreiten freilich ununterbrochen nach dem Passe hinauf, aber ganz unglaublich langsam.
Auf beiden Seiten des Passes laufen mehrere Gletscherzungen aus; sie sind vollständig überschneit, und jede von ihnen entsendet einen Bach. Am Rande der Gletscher sehen wir große Yakherden; wir zählen über 300 Tiere, darunter einige ganz kleine Kälber. Tscherdon schoß eines der letzteren für unseren Proviantvorrat. In dem Maße, wie wir uns näherten, zogen sie sich über den Paß nach der Südseite hinüber. Die Abhänge, auf denen sie im Moose weideten, sahen von ihren dichten Reihen wie schwarzgestreift aus.
Mitten in dem flachen Tale, in dem wir nach der Paßschwelle hinaufziehen, rieselte ein Bach, der nur ein oder zwei Meter breit, aber oft einen Meter tief ist. Büschel von feuchtem, dichtem Yakgras bildeten seine Ufer. Daß sich der tibetische Ochs hier sehr wohl fühle, bewiesen die reichlichen Dungmassen, die umherlagen. In dem Bache leben kleine Fische, die sich besonders in den ruhigeren Becken aufhalten. Fische 5000 Meter über dem Meere! Wie gewöhnlich wurden Exemplare in Spiritus mitgenommen.
Schließlich hören Bäche und Gletscherabflüsse auf, die Steigung nimmt zu, und ich gelangte mit dem Lama auf diesen himmelstürmenden Paß, dessen Höhe 5462 Meter betrug. Die Karawane mühte sich noch auf dem Abhange ab. Ein großer Yak, der böse und herausfordernd aussah, versperrte den Weg nach Süden. Er wedelte mit dem Schwanze in der Luft, senkte die Hörner und machte gar keine Miene zu entfliehen. Wir hielten es für geraten, die Ankunft der Schützen abzuwarten; doch sobald die ersten Kamele auf dem Kamme auftauchten, trottete der Yak ab.
Inzwischen wurde das uns im Süden erwartende Land mit dem Fernglas gemustert. Vor uns breitete sich ein Gewirr von Bergen und Ketten, ein Labyrinth von Tälern aus. Ein bedeutender Fluß sammelte sich am Südabhange; wir folgten ihm abwärts. Hier hielten sich sieben alte Yake auf, die von den Hunden mit Todesverachtung angegriffen wurden. Vier suchten sofort ihr Heil in der Flucht, drei hielten eine Weile stand. Als aber die Angreifer ihre Attacke auf einen Yak konzentrierten, machten sich die beiden anderen ebenfalls aus dem Staube. Der letzte hatte verzweifelte Mühe, sich die Hunde vom Leibe zu halten. Er entschloß sich schließlich für die schlaue Taktik, sich mitten in den Fluß zu stellen, wo das Wasser um ihn schäumte und die Hunde scheu machte. Nach einer Weile kamen zwei Kameraden zurück, um sich nach ihm umzusehen, aber die Hunde waren des Spieles schon beinahe überdrüssig, hatten sich hingesetzt und schauten ihr Opfer nur noch an.
An dem Punkte des Tales, wo den Kamelen die Lasten für die Nacht abgenommen wurden, war das Gras bedenklich mager. Mitten auf ebenem Boden lag ganz regungslos, den Blick auf uns gerichtet, ein Rebhuhn, auf das einer der Kosaken schoß. Es taumelte im Todeskampfe auf; dabei stellte sich heraus, daß es auf drei kleinen Küken gelegen hatte, die unverletzt piepend um die Mutter herumliefen. Wenn man sich nicht zum Troste sagen könnte, daß man in diesen unwirtlichen Gegenden jedes Wild, das einem in den Weg kommt, zu erlegen berechtigt ist, weil man sein eigenes Leben damit fristen muß, so würde man sich wie ein Räuber und Schurke vorkommen, wenn man ein so idyllisches Familienleben gewaltsam zerstört und solch ein bescheidenes Glück von der Erde vertrieben hat. Es dauerte lange, bis ich die Erinnerung an diesen feigen Schuß los wurde. Ich suchte mich damit zu trösten, daß die Hunde das Rebhuhn, das mit seinen drei Küken abends in die Bratpfanne kam, doch totgebissen haben würden.