Die beiden Männer sprengten wieder durch den tiefen Fluß und verschwanden in der Dämmerung.

Gerade jener Augenblick, den ich gern solange wie möglich hinausgeschoben gesehen hätte, war jetzt ganz unerwartet eingetreten. Es ist klar, daß es für uns wallfahrende Pilger vorteilhaft gewesen wäre, wenn das starke Hauptquartier möglichst weit nach Süden hätte vorgeschoben werden können, so daß wir nicht zu weit von ihm abgeschnitten waren. Wir hatten verabredet, vorsichtig vorzudringen und Halt zu machen, sobald wir Menschenspuren entdeckten. Ja, wenn wir während des Marsches in der Ferne Herden oder Zelte erblickten, wollten wir sofort anhalten, so daß wir Pilger wenigstens Zeit hätten, uns „umzukleiden“, damit wir später, wenn wir zurückritten und uns dem heiligen Lande auf einem anderen Wege näherten, nicht dem Verdachte ausgesetzt wären, zu der großen europäischen Karawane zu gehören.

Nach ein paar Stunden kamen die Reiter in dunkler Nacht unverrichteter Sache wieder. Die Tibeter waren aufgebrochen; ihre Spur ging nach Osten. Ihr Feuer aus Argol (Yakdung) glühte und rauchte noch. Schagdur glaubte, daß sie erst nach dem Schusse der Bärenjäger auf uns aufmerksam geworden seien und sofort eingepackt hätten. Nach Ansicht des Lamas waren es drei Yakjäger gewesen; zwei Yakschädel und einige Hufe lagen auf der Erde verstreut. Wir überlegten, ob wir es versuchen sollten, die Tibeter einzuholen; aber da sie sicher beabsichtigten, die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag zu marschieren, mußten wir aus Rücksicht auf den Zustand unserer Pferde auf die Verfolgung verzichten.

Mit dem Frieden war es von diesem Tage an in unserem Lager vorbei. Nachts wurden Wachen aufgestellt, und die Karawanentiere durften nicht aus den Augen gelassen werden. Wir fingen an, halb auf Kriegsfuß zu leben, und mir stieg der Gedanke auf, daß es am Ende gefährlich sei, die Karawane zu verlassen; sie konnte leicht überfallen werden, da es jetzt ohne Zweifel als bekannt gelten durfte, daß eine Karawane im Anzuge war. Deshalb beschloß ich nach Beratung mit Schagdur zunächst, daß Tscherdon im Hauptquartier zurückbleiben müsse, um die Zahl der Verteidiger für den Fall eines Angriffes zu vergrößern. Später würde sich dann auch noch Tschernoff mit der Nachhut zu ihnen gesellen.

Dagegen hielten wir es für unnötig, das Hauptquartier schon hier anzulegen, denn es war keine Aussicht vorhanden, daß wir mit unseren schlechten Pferden die heilige Stadt eher erreichen würden als die vergrößerten, übertriebenen Gerüchte, die bald in Umlauf sein würden. Von hier aus hätten wir 1100 Kilometer hin und zurück gehabt, mehr, als unsere Tiere aushalten konnten, besonders da es sich um einen forcierten Ritt handeln würde.

Da Turdu Bai und Hamra Kul nichts von sich hören ließen, mußten wir noch einen Tag im Lager Nr. 38 bleiben. Während desselben wurde unsere ganze mongolische Ausstattung in Ordnung gebracht, so daß für den Fall einer plötzlichen Trennung von der Karawane alles in Bereitschaft war. Auf der inneren Seite meines einen mongolischen Stiefels wurde eine lederne Hülse für ein Thermometer angebracht; für Uhr, Aneroid und Notizbuch wurden Taschen in meinen Pelz genäht.

In der Dämmerung zeichneten sich die Schattenrisse unserer beiden Kundschafter ab. Beide meldeten, daß so weit, wie sie talaufwärts vorgedrungen seien, keine Hindernisse vorlägen. Sie hatten an ein paar Stellen alte Feuerspuren gesehen, die zeigten, daß die Gegend ihres Yakreichtums wegen bekannt war.

Am 18. Juli gingen wir südostwärts bis an den Punkt, wo das letzte Gras wuchs. Dreimal mußten wir über den Fluß hinüber. Eines der Kamele konnte kaum den Lagerplatz noch erreichen; es war jedoch bedeutend fetter als die anderen und schien ganz gesund zu sein. Es war entschieden nur faul; aber als es sich auch am folgenden Morgen nicht bewegen ließ, die Wanderschaft bergauf fortzusetzen, wurde es zurückgelassen. Die Nachhut würde auf jeden Fall hier vorbeikommen und es mitnehmen. Langweilen würde sich das arme Tier hier in der Einsamkeit schon, aber von Wölfen würde es nichts zu fürchten haben; diese greifen nie ein Kamel an, das einen Packsattel trägt, behaupten die Muselmänner.

Auf einem kleinen Hügel neben dem Lager wurde eine Jurtenstange aufgepflanzt und an ihrer Spitze eine Konservendose festgebunden, in der ein Zettel lag, auf den ich in türkischer Sprache geschrieben hatte: „Wir haben hier ein Kamel zurückgelassen; wenn es nicht hier ist, so folgt seinen Spuren, bis ihr es findet!“ Es war möglich, daß das Tier, wenn es sich erholt hatte, auf die Idee verfiel, seine Kameraden zu suchen.

Wir hatten also eines der achtzehn verloren. Fragend folgte es uns mit den Blicken, als wir unbarmherzig weiterzogen. Darauf beugte es den Hals, um zu grasen, und wir sahen es nie wieder. Denn gerade hier machte die Nachhut, die nicht immer an derselben Stelle lagerte wie wir, einen Umweg. Sie sahen das verlassene Kamel nicht mehr; es war das einzige Tier, das ohne Hoffnung auf Rettung lebendig zurückblieb und von dessen weiteren Schicksalen wir nie etwas erfahren sollten.