Am 16. Juli blieben wir im Lager Nr. 38. Turdu Bai und Hamra Kul wurden in das gewaltige Tal hinaufgeschickt, in dem ich es nicht gleich mit der ganzen Karawane versuchen wollte; konnte es doch so schwer zu erklimmen sein, daß wir hätten wieder umkehren müssen.

Gerade als ich das Universalinstrument zum Observieren aufgestellt hatte, brach ein heftiger Hagelschauer los. Der Himmel wurde im Westen schwarz, der Donnergott rollte mit seinem schweren Wagen durch die Wolken, und die Schläge folgten so dicht aufeinander, daß die Erde unter ihnen bebte. Ich mußte hübsch wieder unter Dach kriechen. Die Hagelkörner schmetterten auf die Filzdecken meiner Jurte und tanzten wie Zuckerkügelchen auf dem Erdboden, der bald weiß wurde.

Nun ertönte Geschrei und Rufen. Tscherdon, der die Wache hatte, meldete, daß die anderen beiden Kosaken einen großen Bären aufgetrieben hätten, der in scharfem Galopp nach dem Lager eilte, aber rechtzeitig nach Osten abschwenkte, mit raschen Schlägen über den Fluß schwamm, die gegenüberliegende Uferterrasse hinaufkletterte und, die beiden Reiter hinter sich, die Flucht fortsetzte.

Kaum war die wilde Jagd an uns vorübergesaust, als von Tscherdons Zelt ein Schuß krachte. Ein großer, alter, weißgrauer Wolf war vor dem Lager umhergeschlichen und mußte ins Gras beißen.

Nach einer guten Stunde kehrten die Kosaken in scharfem Trab zurück und sprengten gerade auf mich los; es war ihnen anzusehen, daß sie mir etwas Wichtiges mitzuteilen hatten. Der Bär war ihnen nach einem letzten Schusse freilich entkommen, dafür aber waren die Jäger, geradewegs in ein tibetisches Lager hineingeritten! Ein mit einer Flinte bewaffneter Mann war bei ihrem Herannahen hinter einem Hügel verschwunden, einige Pferde weideten in der Nähe, und die 20 Yake, die wir gestern gesehen hatten, waren also doch zahme Tiere.

Nun waren die Kosaken, die sich mit dem Manne nicht hatten verständigen können, schleunigst umgekehrt, um mir von dem Geschehenen Mitteilung zu machen.

Der Lama war sehr verdutzt, als ihm die gefährliche Wirklichkeit auf den Leib rückte. Solange wir keine Spur von Menschen gesehen hatten, war ihm mein Plan als etwas Unbestimmtes, noch in weiter Ferne Schwebendes erschienen, aber jetzt standen wir an dem Punkte, wo die ersten Eingeborenen auftauchten und von welchem wir daher aufbrechen mußten. Wir fingen an zu glauben, daß der Kulan, den wir gestern gesehen hatten, doch am Ende wirklich ein Mann, jedenfalls aber ein Omen gewesen sein müsse, ein Vorzeichen, daß menschliche Wohnungen nicht mehr weit entfernt seien.

Wir berieten uns eine Weile über die Sachlage. Es war keine Zeit zu verlieren, denn auf die Kosaken hatte es den Eindruck gemacht, als hätten die Tibeter ihre Yake und Pferde nach dem Lager geholt, um bald aufzubrechen. Wir mußten sie festhalten, denn teils konnten sie uns wichtige Aufklärungen über Wege und andere Verhältnisse geben, teils würde es besser sein, wenn wir versuchten, ihr Vertrauen zu gewinnen und mit ihnen zusammenzureisen, um sie so zu verhindern, unsere Ankunft zu verkünden, welche Nachricht andernfalls wahrscheinlich wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund bis nach Lhasa dringen würde.

Ihr Lager war, nach Sirkin, nicht mehr als drei Kilometer von uns entfernt. Sie mußten uns auf jeden Fall gesehen haben, als wir gestern ankamen; man konnte sich jedoch nicht wundern, wenn sie sich absichtlich abseits hielten. Waren es tibetische Nomaden oder tangutische Räuber? Oder am Ende nur friedliche Yakjäger, die Fleisch und Felle auf zahmen Yaken nach Süden transportierten? So früh hatte ich nicht erwartet, Menschen zu treffen. Merkwürdig ist es auch, daß wir bisher noch keine Spur von alten Feuerstellen gesehen hatten.

Einstweilen beauftragte ich den Lama und Schagdur, sofort dorthin zu reiten und mit ihnen zu reden. Auch der Kosak kleidete sich in ein mongolisches Gewand und sah, dank seiner Rasse, wie ein echter Mongole aus, der er in Wirklichkeit ja auch war. Ich gab ihm Silbergeld mit für den Fall, daß die Tibeter geneigt wären, uns einige von ihren Pferden, sowie Tee und Tabak zu verkaufen, und damit sie sehen sollten, daß sie es mit ganz freundschaftlich gesinnten, ehrlichen Leuten zu tun hatten.