In aller Eile schrieb ich auf ein ausgerissenes Tagebuchblatt einen Brief an Sirkin. Ich beschrieb kurz, was geschehen war, und ermahnte ihn, auf seiner Hut zu sein. Räuber streiften in der Gegend umher, und da sie offenbar mit unseren Verhältnissen völlig vertraut seien, müsse Tag und Nacht die strengste Wachsamkeit beobachtet werden. Vor allem hätten die im Lager Zurückgebliebenen darauf zu achten, daß nicht noch mehr Karawanentiere gestohlen würden. Ferner befahl ich ihm, die Diebe durch Tscherdon, Li Loje und noch einen Mann verfolgen zu lassen; mehr als eine Woche dürfe aber diesem Versuche nicht geopfert werden. Alle weitere Auskunft werde Ördek erteilen, der auch die Stelle kenne, von welcher die Spur ausgehe.

Von der durchwachten Nacht schmerzten mir die Augen, als die Sonne aufging. Ördek steckte den Brief in den Gürtel und erhielt noch eine Schachtel Zündhölzer, damit er sich bei seinem Nachtlager Feuer anzünden konnte. Als wir uns trennten, sah er aus wie ein zum Tode Verurteilter, der zum Richtplatze geht. Kaum aber waren wir zu Pferd gestiegen, so sahen wir ihn halb laufend längs des Ufers verschwinden. Er glaubte natürlich, es werde den ganzen Tag Räuber regnen und jeden Augenblick könne eine Flintenkugel durch die Luft pfeifen. —

Später, als alle unsere Sorgen um Lhasa glücklich überstanden waren, erzählte er selbst, wie sein Rückzug abgelaufen war. Am 29. Juli hatte er den ganzen Tag nicht eine Minute Halt gemacht. Er hatte es nicht gewagt, auf freiem Felde unseren Spuren nachzugehen, sondern sich wie eine wilde Katze in trockenen Bachbetten und Rinnen, sie mochten gerade oder krumm sein, weitergeschlichen. Den ganzen Tag über hatte er sich nach der Dämmerung und der Dunkelheit gesehnt. Doch als diese eingetreten war und der Regen schnurgerade herniederströmte, erschreckte ihn auch das nächtliche Dunkel, und er glaubte, überall Räuber zu sehen. Ein paarmal hatten ihn friedliche Kulane beinahe um den Verstand gebracht und ihn veranlaßt, sich wie ein Igel zusammenzurollen.

Endlich erreichte er in pechfinsterer Nacht den Eingang unseres Tales und beschleunigte seine Schritte noch mehr. Der Fluß rauschte laut in seinem Bette und übertönte jeden anderen Laut. Unaufhörlich glaubte Ördek jemand hinter sich herschleichen zu hören. Jeder Stein war ein lauernder Schurke, der nach seinem Herzen zielte. Wie er im Regen und in der Dunkelheit über die steilen Hügel gekommen war, wußte er selbst nicht; er war nur immer vorwärtsgeeilt, gestolpert, gefallen, wiederaufgestanden und unzähligemal durch den Fluß, dessen Wasser ihm bis zu den Hüften ging, gewatet.

Als er schließlich das Lager erreichte, wäre er von der Wache, die Lärm schlug, beinahe erschossen worden. Er hatte den Mann jedoch noch rechtzeitig angerufen, wurde erkannt und von seinen erstaunten Kameraden sogleich mit Fragen bestürmt. Eine gute Weile konnte er nicht antworten. Vor Müdigkeit erschöpft, brach er nach Atem ringend zusammen. Den Brotfladen, den er als Proviant mitbekommen, hatte er nicht angerührt, und sein Appetit kam erst wieder, nachdem er den ganzen nächsten Tag geschlafen hatte.

Ördeks Bericht und mein Brief erschreckten natürlich die Daheimgebliebenen, die das Schlimmste befürchteten, da es schon die zweite Nacht war, daß unser Lager einem Attentate ausgesetzt gewesen war. Indessen hatte die Nachricht das Gute, die Wachsamkeit aufs äußerste zu schärfen, und hätten sich ungebetene Gäste dort in der Nähe sehen lassen, so wären sie mit scharfen Patronen empfangen worden.

Gleich am Morgen rüstete sich Tscherdon, um unsere Diebe zu verfolgen. Er nahm Turdu Bai und Li Loje mit; Ördek konnte nicht mitgehen. Trotz des Regens war unsere Spur auf dem ganzen Wege deutlich erkennbar gewesen, und auch die Spur der Diebe wurde gefunden. Sie hatten am Morgen in einer Entfernung von 30–40 Kilometer vom Salzsee gerastet und waren dort von mehreren der Ihren mit 15 Yaken erwartet worden. Dann hatten sie den Ritt eine so lange Strecke auf Grus und im Wasser fortgesetzt, daß die Spur völlig verschwand und nicht wiederzufinden war. —

Doch kehren wir zu unserer Pilgerfahrt zurück. Nachdem wir von Ördek Abschied genommen hatten, zogen wir nach Südosten und Ostsüdosten und legten auch an diesem Tage beinahe 40 Kilometer zurück ([Abb. 247]). Die Maulesel hätten noch weitermarschieren können, aber wir mußten die Pferde schonen. Zwischen dem Lagertümpel und einem anderen Gewässer, an dessen Ufern wir ziemlich frische Spuren von Schafherden sahen, zogen wir ein breites, grasreiches Tal hinauf. Rechts von unserem Wege ließen wir eine kleine hügelige Paßschwelle liegen, deren Ecke von ein paar Hundert Yaken rabenschwarz erschien. Wir musterten sie mit dem Fernglase und erwarteten ihren Wächter zu sehen, denn die Tiere machten keine Miene zu entfliehen. Vielleicht waren sie zahm. Doch als wir uns der Herde näherten, ergriff sie die Flucht, und Menschen zeigten sich nicht. Demnach konnten wir darauf rechnen, noch ein paar Tage lang keine Nomaden zu treffen, denn die wilden Yake halten sich nicht in der Nähe menschlicher Wohnungen auf.

In offenem Terrain mit freier Aussicht nach allen Seiten schlugen wir das Lager an einem kleinen Bache auf, an dem es gutes Gras und Yakdung zum Feuern in Fülle gab. Jetzt waren wir nur noch drei, und ich mußte beim Abladen, Zeltaufschlagen und allerlei gröberen Arbeiten helfen, was ich sonst nie nötig gehabt hatte, außer im Jahre 1886, als ich zweimal fast allein durch Persien gereist war.

Während Schagdur und der Lama die Tiere besorgten und sie auf der besten in der Gegend aufzufindenden Weide zur Hälfte, d. h. mit einem Stricke zwischen dem rechten Vorder- und dem linken Hinterbeine, fesselten, sammelte ich in meinem weiten Mantel trockenen Yakdung, welche Beschäftigung mir höchst interessant erschien. Die beiden anderen Pilger sprachen ihre Verwunderung darüber aus, daß es mir gelungen war, in kurzer Zeit einen so ansehnlichen Haufen zusammenzubringen.