Jetzt hieß es nicht mehr „Eure Exzellenz“, denn ich hatte Schagdur und dem Lama strengstens verboten, mir die geringste Spur von Ehrerbietung zu erweisen. Sie sollten mich im Gegenteil wie einen Stallknecht behandeln. Schagdur sollte als der Vornehmste von uns angesehen werden und hatte auf den Lagerplätzen seine Befehle zu erteilen. Ebenso streng war es verboten, russisch zu sprechen; von nun an durfte nur noch Mongolisch über unsere Lippen kommen. Schagdur spielte seine Rolle ausgezeichnet, und dasselbe dürfte ich auch von mir sagen können. Anfangs wurde es meinem Kosaken schwer, mich zu kommandieren, nach ein paar Tagen ging es aber ausgezeichnet!
Der Lama brauchte nicht als Schauspieler aufzutreten; er war, der er war, und so sollte es sein. Am schlimmsten war es für mich, der ich in zwei Rollen zugleich auftreten mußte, als Mongole und als Handlanger. Nachdem ich jedoch mit dem Dungsammeln zur Zufriedenheit meiner Herren fertig geworden war, aß ich zu Mittag, trank Tee, rauchte eine Pfeife, ging ins Zelt, legte mich nieder und schlief wie ein Stock bis 8 Uhr. Ich war da allein, die anderen trieben die Tiere zur Nacht ein. Noch eine Stunde durften diese in unserer unmittelbaren Nachbarschaft grasen. Schagdur und der Lama waren an diesem Abend weniger heiter als sonst. Sie hatten, während ich schlief, drei Tibeter zu Pferde gesehen, die von einem Passe im Osten kamen und nach Nordwesten ritten, wobei sie unserem Lager die Flanke zukehrten, so daß man nur ein paarmal hatte sehen können, daß es ihrer drei waren. An einem Punkte hatten sie gehalten, wie um sich zu beraten, worauf sie sich dem Lager genähert hatten, dann aber waren sie hinter einem Hügel verschwunden, um sich nicht wieder zu zeigen. Sie erwarteten wohl die Nacht, und ihr Benehmen kam uns höchst verdächtig vor. Es war uns jetzt klar, daß wir von Spionen und reitenden Späherpatrouillen umgeben waren; ob uns diese Reiter aus eigenem Antrieb oder auf Befehl beobachteten, konnten wir natürlich nicht wissen.
Um 8½ Uhr wurden die Tiere an ein längs der Erde zwischen zwei Pflöcken straffgespanntes Seil gebunden, und jetzt und in Zukunft folgender Lagerplan beobachtet. Der eine Eingang des prismatischen Zeltes war vom Winde abgekehrt und stand weit offen; unmittelbar davor waren die Tiere angebunden. Nächtliche Besuche kommen, aller Wahrscheinlichkeit nach gegen den Wind, besonders da, wo sie Hunde vorfinden.
Sobald es dunkelte, ließen wir das Feuer ausgehen und trugen die draußen noch umherliegenden Sachen, wie Kisten, Küchengeräte und Sättel, in das Zelt. Der große, schwarze Jollbars wurde vor den Pferden und Mauleseln angebunden. Von ihm konnte man das erste Warnungssignal erwarten. Malenki, ein bissiger, schwarz und weiß gefleckter Karawanenhund, war auf der Windseite hinter dem geschlossenen schmalen Ende des Zeltes angebunden.
Die Nacht wurde in drei Wachen, 9–12, 12–3 und 3–6 Uhr geteilt; gewöhnlich übernahm ich die erste, der Lama die letzte.
Jetzt hatte ich meine erste Nachtwache. Es war keine Kunst wach zu bleiben, denn teils hatte ich schon, während es noch hell war, ausgeschlafen, teils konnte man sich jeden Augenblick auf einen Überfall gefaßt machen. Schon vor 9 Uhr schliefen meine von den Anstrengungen der vorigen Nacht ermüdeten Kameraden und schnarchten laut.
Ich begann meinen Wachdienst, bald dicht bei dem Zelte, bald weit von ihm entfernt umherschlendernd. O diese finsteren Nächte, diese endlosen Stunden! Nie werde ich meine müden Schritte zwischen Malenki und Jollbars hin und zurück bis ins Unendliche vergessen! Die Minuten vergingen so langsam! Ich zählte zehn, zwanzig solche Promenaden, aber nur einige Minuten, höchstens eine Viertelstunde hatten sie in Anspruch genommen. Ich spielte mit Jollbars, der vor Freude heulte, wenn ich ihn besuchte, ich klopfte den Pferden und den Mauleseln den Rücken und ging dann weiter, um Malenki, der ganz allein hinter dem Zelte lag, zu streicheln.
Der Morgen war warm gewesen, und von Zeit zu Zeit hatte es tüchtig geregnet, der Abend aber war einigermaßen klar. Um 9½ Uhr brach ein Höllenwetter los. Der Himmel überzog sich mit rabenschwarzen Wolken, die von innen heraus durch zuckende Blitze erhellt wurden, und der Donner rollte mit infernalischer Kraft ringsumher in den Bergen und über unserem einsamen Lager.
Das Allerschlimmste aber war der Regen, der die Erde peitschte und wolkenbruchartig herniederströmte. Nie ist mir ein so entsetzlicher Regen vorgekommen. Er schmetterte und prasselte auf das Zelt, das einzufallen drohte und durch dessen Tuch ein feiner Staubregen in das Innere sprühte und sich dabei verteilte wie die Dusche einer Spritzflasche Eau de Cologne. Alles wurde durchnäßt, aber die Schlafenden kümmerten sich nicht um den Regen, sondern krochen nur tiefer unter ihre Pelze und fuhren fort Bretter zu sägen. Die Regentropfen trommelten lustig auf die mongolische Kasserolle und ihren Deckel, die wir beim Feuer hatten stehenlassen. Ich setze den schlüpfrigen Spaziergang zwischen den Hunden noch eine Weile fort, suche dann aber, naß wie eine ersäufte Katze, in der Zelttür Schutz. Von dem Mondschein hatte ich keinen Nutzen, denn die Wolken waren trostlos kompakt, und es sah aus, als wollte der Regen überhaupt nicht aufhören. Ganz undurchdringlich bleibt jedoch das Dunkel nicht; der Mond liefert wenigstens eine sehr schwache, diffuse Helle, in der sich die Umrisse der Karawanentiere ein wenig schwärzer als die Nacht um sie her abzeichnen, so daß ich von Zeit zu Zeit ihre Rücken zählen kann.
Ich zünde eine Pfeife und einen Lichtstumpf an, den ich in eine kleine Holzschachtel stelle; bei seinem Schein schreibe ich meine nächtlichen Betrachtungen nieder. Immer nur einen Satz, dann wieder eine Runde um das Lager. Es trieft mir von den Ärmeln, und die Mütze sitzt wie festgekleistert auf meinem kahlen Schädel. Nach den Abspülungen erinnerte mein geschminktes Antlitz sehr an das Fell eines Zebras. Die Temperatur sank nicht unter +4°, und von Kälte war daher keine Rede.