Der Regen strömt ohne Unterbrechung nieder, und sein eintöniges Plätschern übertönt alle anderen Geräusche. Doch was war das? Ein klagender Ton in der Ferne! Sollten die Tibeter gerade so ein Hyänenkonzert anstimmen wie 1896 die Tanguten bei Karascharuin-kubb? Nein, bewahre, es war Jollbars, der vor Ärger heulte, weil er draußen liegen und sich vollregnen lassen mußte. Und was war dies wieder für ein Lärm? Nur ein entfernter Donnerschlag. Der Donner und der Regen täuschen mich unaufhörlich. Ich eile mit dem Revolver unter dem Mantel ins Freie, stehe und warte dort eine Weile in der Nässe, horche angestrengt nach allen Seiten, da aber „im Schipkapasse alles ruhig“ ist, kehre ich zu meinem Lichtstumpfe zurück; die Pfeife will nicht mehr brennen, alles ist naß.
Die Stunden vergehen immer langsamer, und der Regen läßt nicht nach. „Das wird morgen ein schöner Ritt werden!“ dachte ich. Das einförmige Atmen der halbschlafenden Maulesel wirkt einschläfernd, und die Lider fangen an mir schwer zu werden. Es passierte mir aber nie, daß ich auch nur fünf Minuten einschlummerte. Sollten wir noch einmal überlistet werden, so sollte es wenigstens nicht während meiner Wache geschehen; ich hätte mich vor meinen Kameraden wie ein Hund geschämt und mich selbst verachtet.
Dann und wann schlagen die Tiere mit den Schwänzen, wenn der Regen ihre Seiten kitzelt. Die Hunde knurren bisweilen dumpf, und ich mache dann sofort die Runde um das Lager. Um 11½ Uhr streifte ich in der Dunkelheit umher, fest entschlossen, nicht eher ins Zelt zurückzukehren, als bis die Mitternachtsstunde geschlagen hätte und damit die Stunde meiner Befreiung gekommen wäre.
Es war denn auch 12 Uhr vorbei, als ich mich wieder bei meinem Lichtstumpfe niederließ. Jetzt rieselte es vom Pelze herunter, und die Stiefeln waren klatschnaß. Schagdur schlief so fest, daß es mir widerstrebte, ihn zu wecken, und ich hatte mich selbst überredet, seine Wache um eine halbe Stunde abzukürzen, als beide Hunde auf einmal wütend zu bellen begannen. Der Lama erwachte und eilte mit seiner Flinte hinaus, ich folgte ihm mit dem Revolver, das Licht wurde ausgelöscht, und wir schlichen uns gegen den Wind nach der verdächtigen Stelle hin. Dort hörte man deutlich Pferdegetrappel, und in einer anderen Richtung glaubte der Lama Hundegebell zu vernehmen. Er wollte schießen, aber ich wollte unter keinen Umständen derjenige sein, der anfing; gefiel es den Tibetern, uns den Krieg zu erklären, dann sollte ihnen freilich mit gleicher Münze heimgezahlt werden!
Daß sich einige hundert Meter von uns Reiter aufhielten, unterlag keinem Zweifel. Ich ließ den Lama beim Zelte bleiben, weckte Schagdur und ging mit ihm leise und vorsichtig in der Windrichtung, dann und wann lauschend. Da hörten wir, wie sich das Pferdegetrappel hastig entfernte; darauf wurde alles ruhig, und die Hunde stellten ihr Gebell allmählich ein.
Jetzt war die Reihe an Schagdur. Ich hörte seine Schritte draußen in dem Schmutz, als ich unter meinen feuchten Pelz kroch. Solche Nächte bringen mehr Spannung als Ruhe und sind mehr interessant als gemütlich. Aber man gewöhnt sich wohl daran, dachte ich, und nach einer Weile schlief ich gut und fest.
Schon um 5 Uhr weckte uns der Lama, der die letzte Wache hatte und es wohl für besser hielt, weiterzureiten als in den Tag hineinzustarren. Behaglich und vergnügt ist einem nach einer solchen Nacht gerade nicht zumute, nein, ungemütlich, steif, naß und frostig! Alles riecht schlecht und sauer; aber das gehört natürlich zur Sache und trägt dazu bei, den Eindruck der Echtheit zu erhöhen. Von wohlriechenden Lhasapilgern hat man noch nie reden hören! Und was mich betrifft, so fand ich, daß das Ganze sich gut anließ. Unter Verhältnissen wie den unsrigen wird die Stimmung außerordentlich von der Sonne beeinflußt. Man sehnt sich danach, sich umsehen zu können; die Nacht mit ihren heimtückischen Schatten ist auch dem unangenehm, der sich im Dunkeln nicht fürchtet.
Meine Muselmänner hatten mich entschieden für unzurechnungsfähig gehalten, als ich auf dieses wahnsinnige Unternehmen auszog. Es war in der Tat wahnsinnig, das läßt sich nicht leugnen, so viel zu wagen, ja das Leben zu riskieren, nur aus Lust, Lhasa zu sehen, das in seiner Topographie und seinem Aussehen durch Beschreibungen, Karten und Photographien von Punditen und Burjaten weit besser bekannt ist als die meisten Städte des innersten Asien. Doch ich muß ehrlich gestehen, daß ich mich nach den zwei Jahren ruhiger, friedvoller Wanderungen durch unbewohnte Teile des Kontinents und nach all meiner strebsamen Arbeit nun einmal nach einem wirklich haarsträubenden Abenteuer sehnte. Ich fühlte das unwiderstehliche Bedürfnis, meine Person in eine Lage zu bringen, in der das Leben auf dem Spiele stand, eine Situation, die Geschicklichkeit und Umsicht erforderte, wenn sie nicht zu einer Niederlage werden sollte, und in die wir uns so tief verwickeln würden, daß es noch schwerer wäre, sich mit heiler Haut wieder herauszuwickeln. Tatsächlich sehnte ich mich mehr nach dem Abenteuer als gerade nach Lhasa. Der Lama hatte mir die Stadt so gründlich beschrieben, daß ich sie schon satt bekommen hatte. Ich wollte die Tibeter sehen, mit ihnen reden und ausfindig machen, weshalb sie die Europäer so verabscheuen. Ein unkritischer junger Mann hat vor einigen Jahren erzählt, daß er in Tibet gefoltert worden sei, aber seine haarsträubenden Beschreibungen schreckten mich nicht ab — aus dem einfachen Grunde, weil ich ihnen keinen Glauben schenke. Es wäre wirklich ein großer Gewinn für die Menschheit, wenn Personen, denen es schwer wird, bei der Wahrheit zu bleiben, das Bücherschreiben bleiben lassen wollten!
Fünfzehntes Kapitel.
Die ersten Nomaden.
Der Appetit ist so früh am Morgen schlecht. Das Frühstück besteht nur aus Brot und Tee ([Abb. 248]); doch sobald die Pfeife angezündet ist und man im Sattel sitzt, geht der Tag seinen ebenen Gang, obwohl das Zeichnen der Marschroute die Geduld auf die Probe stellt, wenn man ein Pferd hat, das sich wie eine alte abgenutzte Dreschmaschine bewegt.