Wenn dann der Herbst kam, wenn der regnerische November mit seinem Tagesgrau und seiner Nachtfinsternis den Sinn schwer und das Blut reizbar machte, wenn alles Wild noch sommerstark war, nicht geschwächt durch Winterhunger, Frost und Kälte und daher wachsam und ungeheuer schwer zu fangen — da nahm Strix eine überraschend blutige Rache. Sie tat es nicht bewußt, das muß man zu ihrem Lobe sagen; sie tat es aus Instinkt und aus Rücksicht auf die Ansprüche ihres großen Magens.
Wenn die kleinen Eulenherren auf Mäusejagd gingen, schlug ihnen plötzlich ein großer Vogel in den Nacken. Strix tauchte aus der Nacht auf, als werde sie im selben Nu von ihr geboren. Sie machte kurzen Prozeß und verzehrte ihre angebeteten Verwandten mit Federn und Fängen. Die kleinen Eulen draußen im Walde waren denn auch in Todesangst vor ihr gewesen.
Jetzt sind die Zeiten mit den Paarungsgelüsten längst vorüber!
Es ist mit Strix in der letzten Zeit reißend bergab gegangen.
Ihre Federn haben die blanke, dunkelbraune Farbe verloren, und statt dessen den blassen, welken Ton vorjährigen Laubes angenommen. Die haarfeinen Federn um ihren Schnabel sind silbergrau, ihre Flügel sind steif, und der Schnabel ist ungewöhnlich krumm.
Sie ist keine große Eule mehr.
Ihr einst so muskelstarker Körper ist zusammengeschrumpft, so daß ihr die Haut zu weit ist und in Falten und Beuteln sitzt, die Schenkel sind so dünn, daß ihre einst so mächtigen Marterfänge jämmerlich lang erscheinen und den Ständern eines Storches gleichen. Ihr Federkleid ist zerzaust, der neue Brustbart besteht aus lauter Stoppeln ... sie ähnelt einem trocknen, eingeschrumpften Pilz. Nur ihr Kopf rollt noch in seiner vollen Größe unheimlich in den Schalen der knochigen Schulterblätter.
Strix ist abgelebt — die Greisin der Einöde heult aus dem letzten Loch.
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Es ist ein ungewöhnlicher Frühling in diesem Jahr.