Sie hielten Sabbath, wenn sie Sabbath hielt, bedurften des Schlafes, wenn auch sie müde war, und kamen nicht am Tage dahergebraust und machten Lärm. Ihre Nähe belebte die alte Eule, sie waren gleichsam Fleisch von ihrem Fleisch und redeten ihre Sprache.

Jeder Vogel singt mit seinem Schnabel, sagen die Menschen. Die eine Vogelart versteht denn auch nicht viel von dem, was die andre sagt. Die Lyrik der kleinen Vögel wird nicht von den Krähen verstanden, und das Krächzen der Krähen, von dem sie selbst versichern, daß es voll von den schönsten und am meisten in die Ohren fallenden Harmonien ist, wird von den Habichten nicht geschätzt. In der Vogelwelt herrscht mit andern Worten, ebenso wie in der Menschenwelt, eine babylonische Sprachenverwirrung.

Eine Art spricht sozusagen Deutsch, eine andre Flämisch, eine dritte Französisch usw. Nur einzelne Sprachgenies, wie die Familien Star und Elster, gibt es; sie sind mit der Fähigkeit geboren, sich in mehrere Sprachen hineinzuversetzen, und sie treten als Dolmetscher auf. Nicht alle aus diesen Familien bringen es gleich weit — und nur ein einzelner alter, hochbegabter Star versteht zehn Sprachen!

Strix hat oft um die Frühlingszeit von ihrem bescheidenen Platz unter der Tribüne dem Vortrag eines solchen „Professors“ beigewohnt. Das meiste klang in Strix’ Ohren chinesisch, aber vereinzelte Male, wenn ein paar hohle, orgeltönende Brauselaute kamen, spitzte sie die Hörner und machte einen langen Hals ... es war, als wenn wir Menschen auf der Reise in Italien plötzlich von einem Tisch im Speisesaale heimische Laute hören.

Aber alle die langen Schrei- und Heulkonzerte der kleinen Eulen waren Strix von Anfang bis zu Ende verständlich; sie sprachen ja in ihrer Zunge, nur weicher und sanfter.

Von ihnen sagte sie auch, daß sie zwitscherten.

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In den Zeiten vor vielen, langen Jahren, nachdem ihr Gatte gestorben war, und ehe sie sich noch so recht an ihre Einsamkeit gewöhnt hatte, suchte sie mit Vorliebe die Gesellschaft der kleinen Eulen.

Wenn die blanken Märznächte im Anzuge waren und der Himmel wie mit blitzenden, feurigen Eulenaugen übersäet war, wenn es in der alten hohlen Buche, in der sie damals saß, zu kribbeln und zu krabbeln begann, und die Fledermäuse oben in dem faulen Holz, die sonst immer am liebsten jede für sich allein hängen wollten, wonnevoll piepsten und liebeskrank in der Dunkelheit zusammenkrochen ... wenn sie selbst hinaus mußte, nicht um zu fangen, sondern um zu tanzen wie auf sonnendurchglühter Baumrinde, während sie wahnsinnig mit den Flügeln um sich schlug — da hatte sie sich oft den Kavalieren der kleinen Eulen gegenüber äußerst angenehm gemacht.

Sie fing gute Bissen für sie, Raub, den sie sonst niemals bekamen, wie Hasen, Birkhähne und Rebhühner; sie ließ sie ihre fetten Ratten kröpfen, während sie unter anmutigen Gebärden und gurrend wie eine Kropftaube um sie herumschwänzelte und ihnen Anlaß gab, ihr ihre Aufwartung zu machen. Aber keiner von ihnen hatte sich veranlaßt gefühlt, sich näher mit ihr einzulassen.