Strix will sich über sie stürzen; die Kröte ist ja nun bald derjenige von den „Schnelläufern“, mit dem sie am besten fertig werden kann — da erwacht sie zu der nüchternen Wirklichkeit, indem sie mit dem Kopf gegen den hohlen Baumstamm stößt.
Ja, Strix war alt geworden, uralt — und das war gerade der Segen beim Altwerden, daß man die Fähigkeit erhielt, in sich hineinzusehen und die Bilder hervorzurufen, die man zu Dutzenden und Aberdutzenden von Malen in einem langen Leben gesehen hatte. Man schwelgte in den Erfahrungen, man sah den Wechsel der Natur zu jeder Zeit im Strahlenglanz der Erinnerung vor sich.
Wenn nichts weiter, so konnte man sich ja daran erwärmen!
Aber sehnen tat sich Strix doch — sie sehnte sich, sehnte sich — sie konnte sich nur nicht klar darüber werden, wonach. Es lag wie ein beständiger Druck dadrinnen, wo das, was man Hoffnung und Glauben nennt, Wohnung hat ...
Sie sehnte sich nach dem, was nicht mehr war, nach dem Unberührten, Großzügigen in der Natur ihrer Heimat, oder nach den alten, guten, traulichen Zeiten, als Einsamkeit im Walde war, wo sie Aussicht auf die Heide, auf Wild und Fauna hatte und nicht einzig und allein auf Menschen und wieder Menschen.
Sie sehnte sich nach dem in der nordischen Natur, womit ihre eigene Natur so innig verknüpft war: nach dem Trotzigen, dem Unnachgiebigen. Jetzt hatten die Menschen alles auf den Kopf gestellt, und Wege und Eisenbahnen, Anpflanzungen und Kornäcker überall hingebracht, wo früher Wildnis herrschte. Sie hatten die Wälder aus ihrem Naturzustande in beschnittene Gärten verwandelt und all das ursprüngliche Tierleben aus ihnen vertrieben; sie hatten die Natur zahm gemacht, sie pflügten sie um und eggten sie, sie bestellten sie und klecksten ein Haus neben dem andern auf. Als einzige Erscheinung hatte sie, und nur sie, und dann die beiden alten Eichen den Untergang all des Freien überstanden; sie spürte es jetzt in ihren alten Jahren mehr denn je an sich, daß sie heimatlos und verfolgt war, und daß sie es ihr ganzes Leben gewesen war.
Deswegen klagte sie so oft, daß es gleichsam wie ein Unwetterschaudern durch die Umgegend ging, deswegen lag etwas unerklärlich Unheimliches in ihrem einsamen nächtlichen Heulen.
[13. Strix schafft sich einen Sklaven an]
In der Urwaldecke — um die alten Eichen herum — traf man eine Menge hohler und zunderiger Vergangenheitsbäume zwischen dem Neuwuchs an.
Darin wohnten die andern Eulen des Waldes, die kleinen Eulen, deren Treiben und deren Lebensweise ganz so war wie Strixens. Ihre Gesellschaft hatte Strix denn auch immer zugesagt.