Nacht für Nacht, vom späten Abend bis zum frühen Morgen ruft sie nach ihrem alten einfängigen Männchen; sie sucht alle ihre früheren Horstplätze ab und zieht weit über das Land hinaus, jenseits der Menschennester; aber nirgends sieht oder hört sie das geringste von Uf, so wenig wie von einer andern Eule ihrer Art.

Sie fühlt sich immer einsamer und verlassener.

In den milden, feuchten Nächten geht Zug auf Zug von starken, feurigen Lenzvögeln über ihren Kopf hin, und tausende und abertausende von fröhlichen Vogelstimmen schallen aus der Luft zu ihr herab.

Sie grüßt die Reisenden mit ihrem tieftönenden Ho—oo, sie schießt aus den Baumwipfeln zwischen sie hinauf und sieht sie, schreckerfüllt über ihr Erscheinen, nach allen Seiten auseinanderstieben — und sie zieht eine lange Strecke mit ihnen, bis sie, deren Flügel dem pfeilschnellen Flug nicht gewachsen sind, zurückbleibt wie ein Hund, der einem dahineilenden Zuge zu folgen sucht.

Und je weiter der Frühling fortschreitet, um so tiefer krallt sich der herannahende Schluß der Paarungszeit mit all seiner Wildheit und Unbändigkeit in ihr Inneres hinein. Sie wird immer empfindlicher und reizbarer. Ihr feines Gehör, das es ihr ermöglicht, in großem Umkreise an der Welt teilzunehmen, ist um diese Zeit immer aufnahmebereit; Krähengekrächz und Hähergelächter, Hundegebell und Lärm der arbeitstollen Menschen regt sie ununterbrochen auf und macht sie grimmig und streitlustig.

Diese Laute erwecken in ihr fortwährend Erinnerungen an die große Heerschar ihrer Feinde!

Ein alter Fluch ruht auf ihr und ihrer Sippe, und der ganze Wald gerät in Aufruhr, wenn man sie am Tage erblickt. Die Eigenart und Überlegenheit ihres Stammes in der Nacht ist schuld daran; alle Vögel und Tiere, die schlafen, solange die Finsternis brütet, müssen sie notgedrungen fürchten und sie deswegen hassen. Sie ist der Vogel der Nacht, sie ist ihr verkörpertes Grauen, ihre Mystik ... wie die Finsternis selbst kommt sie lautlos und überraschend, und wie das Wetter der Nacht kann sie plötzlich ein teuflisches, schreckeneinjagendes Geheul anstimmen. Die andern werden bange vor der Nacht und verkriechen sich; sie fliegt in ihre Arme und tummelt sich darin, sie ist das eigene, hoch betraute Kind der Nacht.

Sie wohnt beständig in den Hochwäldern, aber draußen in einer Einöde, in einem tiefliegenden dumpfen Winkel. Hier hat sie ihren Luftwechsel, ihre Tunnel und geheimen Gänge durch Kronengewölbe und Laubgehänge. Da hindurch kann sie aus dem überwucherten Baum, in dem sie wohnt, ungehindert abstreichen und zu der freien Fahrt über Lichtungen und Unterwald hin gelangen.

Aber einmal, als sie in der Dämmerung ihren Lieblingspfad — einen langen und schmalen Gang durch rotknospigen Weißdorn und kätzchengelbe Haselbüsche — entlangstreicht, findet sie ihren Luftweg zerstört. Das schützende Versteck, das sich so innig fest und dicht um ihn geschlossen hatte, ist umgerissen, liegt bunt durcheinander in einem großen Berg. Wo früher Bäume standen und wilde Schößlinge wuchsen, breitet sich jetzt ein offener Platz aus, über den sie hinjagen kann, ohne den Zweig eines Wipfels mit den Flügeln zu berühren.

Sie hat den ganzen Tag tief unten in ihrem hohlen Stamm ein starkes Hack—Hack gehört, als arbeite tief drinnen im Wald ein Riesenspecht. Sie kennt den Laut, es ist der, den sie am meisten von allen haßt ... es ist der Schlag der Axt!