Sie fliegt nach der Tiefe der alten Tannen und sinkt in ihr warmes, lichtschwaches Gewölbe hinab. Hier sitzt sie eine Woche lang in einem alten Habichthorst. Bis es plötzlich eines Morgens in dem Stamm singt und wie von weißen Federn um seinen Fuß stiebt ... sie fühlt den Wipfel erbeben, den Baum schaukeln und auf einmal umfallen — da erst streicht sie ab. Sie wählt eine neue Tanne, weiter entfernt im Dunkeln, aber schließlich erreicht die Axt auch die ... die gierige Axt frißt ganz regelrecht auch Tannen!

Dann nimmt sie fürlieb mit dem tiefen Astspalt hoch oben in der Buche, der sie seiner Zeit vor den Krähen errettet hat. Es ist freilich ein enger Raum, in dem es zieht, denn der Baum ist fast durch und durch faul, und hatte ein Loch neben dem anderen, sowohl über ihr als auch unter ihr in der ganzen Länge des Stammes. Aber ein Zufluchtsort ist der Spalt doch!

Als der Frühling kam, wurden alle Löcher benutzt. Strix, die die Vornehmste war, wohnte im ersten Stockwerk, über ihr in den vielen andern Stockwerken hatten Stare, Blaumeisen und Kohlmeisen ihre Behausung, unter ihr wohnte ein Dohlenpaar und ganz unten im Keller eine fette schwarze Ratte, eines der sogenannten Moorschweine. Das Erdgeschoß aber stand leer, denn dort wohnte im Winter Meister Taa, und nach ihm roch es den ganzen Sommer.

Es war Strix indessen unmöglich, sich an den Spektakel der vielen kleinen Leute über und unter ihr in dem neuen Hause zu gewöhnen. Als daher der Sommer kam und das Laub die Schlupfwinkel des Waldes düster machte, blieb sie oft den ganzen Tag draußen sitzen.

Sie setzte sich gewöhnlich auf einen Fleck, wo selbstgesäete Birken und Erlen oder Tannen in großen Haufen Wurzel in der nachtschwarzen Erde der Waldmoore geschlagen hatten; dahinaus wagten sich nicht viele von denen, die zu Fuß gingen. Sie zog tief in die Moore hinein, nach den sumpfigen, feuchten Stellen, wo die Bäume klein waren und sich in den allerverzerrtesten Formen umeinanderschlangen. Namentlich hatte sie draußen auf einem Grasbüschel mitten in einer Wasserlache zwischen den kranzförmigen Zweigen eines uralten Weidengestrüpps eine liebe und ruhige Schlafstätte. Es war hier wie in einer Laubhütte — und diese Laubhütte benutzte Strix oft und lange.

Bis die vielen kleinen Vögel: Gartensänger, Mönch, Rohrdommel und Nachtigall, deren eigentlicher Besitz dies alles war, und die ihren Heckplatz und ihre Nestwohnung rings umher in dem Schlupfwinkel hatten, zufällig auf sie stießen. Da hatte der Friede ein Ende! Die kleinen Vögel hörten nicht auf, Strix ihr Mißfallen ins Ohr zu schmettern, die Lumpen des Waldes — die Häher, zogen auf, und bald darauf die Drosseln — die wachsamen Schutzleute des Waldes — da wußte sie, daß die Botschaft erging, daß das gellende Horn ertönte, daß der Wald binnen kurzem mobil gemacht sein werde, und sie breitete die Flügel aus und flog hinauf durch das Laubdach, flog davon — um sich wieder tief in ihrem Spalt zu verstecken.

Nichts konnte Strix so reizen wie dies Kleinvögelgesindel. Meinetwegen die Krähen! dachte sie. Meinetwegen Marder und Fuchs und zur Not auch die Menschen! Das alles war groß, so wie sie selbst und hatte das Recht, auszuschelten; aber so eine kleine lebende Flocke, was hatte die zu sagen!

In dem tiefen Spalt war es scheußlich im Sommer — schwül und zum Ersticken! Und kitzelndes Spinnengewebe hatte sie beständig im Schnabelbart — in der Laubhütte des Weidengestrüpps war es so frisch und kühl gewesen!

Der Sommer verging —

Es wurde immer schwieriger für Strix, sich in dem alten Walde zurecht zu finden. Es war mit dem bald ebenso wie mit den vielen andern, aus denen sie ihrer Zeit geflohen war: der große Zerstörer hatte ihn nun ganz umgewandelt.