Die alten Tannen waren dahin, und die Einsamkeit und Waldestiefe um ihre liebe alte Buche auch. Von ihrem ganzen einst so wilden Walde mit Sturmesgebraus und Baumgeknarre waren nur noch einzelne zerstreute Teile übrig, in denen sie früher nie hatte sein mögen. Ein niedriger Jungwald breitete sich überall über den entwässerten Mooren und auf den offenen Stellen aus, und mystische, von Menschen geschaffene Laute hielten sie von Morgendämmerung bis Abend wach. Wo sollte sie nur bleiben?
Es wurde immer gefährlicher für Strix, hier im Walde umherzuschweifen. Die Jäger kamen oft mit Flinte und Hund hierher, und es wurden große Treibjagden abgehalten. Hätte sie das Leben nicht dies und jenes gelehrt, und hätte sie nicht beständig den Platz gewechselt oder sich unsichtbar gemacht, indem sie sich unter großen, halbverfaulten Baumstümpfen und in alten, unbewohnten Fuchsbauten versteckte, so würde es ihr nie gelungen sein, den Jägern zu entkommen.
Mehr und mehr ward es ihr klar, daß sie nun wieder weiter mußte!
In ihren jungen Jahren war sie viel gewandert. Im Herbst und namentlich zur Winterszeit war sie in der Regel von dannen gezogen, und hatte nach Lust und Laune umhergestreift. In späteren Jahren hatte sie sich nicht viel aus diesem Umherstreifen gemacht; sie war geblieben, wo sie war.
Aber nun zwangen die Verhältnisse sie von neuem.
Wohlan, so mußte sie denn fort; sie mußte sich eine neue und bessere Gegend suchen!
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Um die Frühlingszeit werden die uralten Wandergrillen nach Verlauf von Jahren wieder lebendig in Strix — in einer schönen Nacht überkommen sie sie plötzlich wie mit der Unbändigkeit eines Fiebers.
Sie merkt, wie gleichsam ein Trieb, ein Verlangen in ihr aufsteigt. Es ist kein Hunger, nichts, was sie durch ihren Schnabel, durch ihre Fänge befriedigen kann. Es wohnt anderswo als in ihrem Magen und schmerzt auf eine eigene, innere Art. Sie wird unruhig, kann nicht schlafen, nicht still auf dem Zweig sitzen, sondern muß fortwährend mit den Augen zwinkern und die Flügel halb öffnen, wie zum Flug. Das Verlangen wächst und wächst, auf seine Weise genau so, wie der Hunger wächst ... und so steigt sie denn, als der Vollmond blank am Himmel steht und das Licht grell über der Landschaft liegt, wie in einem Rausch über den Waldeswipfeln auf und verschwindet.
Sie wandert, wie hunderte von großen Uhus vor ihr gewandert sind, von den Menschen vertrieben, der Naturruhe und Einsamkeit entgegen, nach denen ihr Sinn stand. Gleich diesen heimgegangenen Vorfahren aus den ländergroßen, jetzt verschwundenen Wäldern hat auch sie dieselbe Liebe, dasselbe innige Bedürfnis, sich auszuscheiden, zu isolieren.