Bald löst die ferne Fata morgana sich auf — und das ungeheure, schwarzgetönte Heidekrautmeer gibt sich zu erkennen.
Noch ein Kilometer — und als die Sonne aufsteigt, wird das Heidekrautmeer zu der großen herrlichen Naturebene der Heide mit dem Porschgrün der Schluchten und dem Violett der Hügelrundungen. Die unzähligen Heidekrauterhöhungen bekommen Form und Fülle, sie treten hervor und werden für Strix zu Reisern und Büschen. Ameisenroter Eisenocker guckt stellenweise hervor, olivenfarbene Mehlbeerenzweige recken sich über trocknen, natterbeschwerten Flechten empor. Der moosähnliche Wolfsfuß, der grüne Pflanzenwurm der Heide, kriecht mit seinen behaarten Ranken über den Sand hin, auf sie zu; sie erkennt das alles wieder von ihren wilden Streifzügen in ihrer Jugend — und sie fliegt hinein in die Heide bis an eine tiefe Schlucht zwischen ein paar hohen, finsteren Hügeln, da läßt sie sich nieder und setzt den Fuß auf den trockenen, knirschenden, mit Renntiermoos bedeckten Boden.
Es durchflutet sie, als sei sie lenztrunken und erfüllt von dem mächtigen Paarungstrieb; ihr wird so munter und leicht, sie wird wild vor Freude ... hier ist noch die Erde in ihrer Ursprünglichkeit, weit und offen mit Mooren und Sümpfen, mit Weide und Porsch und dem Zug der Hügel, der in den Himmel übergeht; ein Überrest Natur von ihrer Natur breitet sich vor ihr aus, mit Ruhe und Großzügigkeit, frei von den vielen Steinhaufen, aus denen immer Rauch und Lärm aufstieg!
Zwischen Heidekraut, so kräftig, daß es in bezug auf Höhe mit den Wachholderbüschen wetteifert, und Strix hoch über dem Kopf zusammenschlägt, watschelt sie den bemoosten, reich mit Porsch bestandenen Abhang hinauf und setzt sich auf den Gipfel eines alten Hünengrabes, das in einsamer Majestät hoch oben auf einem der Hügel thront. Sie sitzt da und keucht nach der Reise und starrt hinaus über ihr neues Heim.
Da hört sie ein Piepsen gerade unter ihren Ständern.
Es ist ein kleines Birkkücken ...
Strix beobachtet mit gespannter Aufmerksamkeit, wie es sich ganz langsam und mit großer Mühe durch das Moos hinaufarbeitet.
Strix hat wohl Lust zu dem Bissen; sie ist hungrig nach der Reise — und schlägt deswegen auf das Kücken nieder.
Da wird der Mooshügel, in dem das Birkkücken sitzt, gleichsam lebendig; es kribbelt und krabbelt um die Fänge der großen Eule herum. Strix will natürlich alles fangen, was kriecht — und sie greift wild und gierig nach alten Seiten um sich.
Endlich meint sie, daß sie genug hat und öffnet vorsichtig die Griffe — da hat sie nur Heidekraut und Moos in den Fängen.