Strix bläst sich zu doppelter Größe auf; sie sträubt ihre Federn wie ein Stachelschwein seine Stacheln, dann macht sie einen blitzschnellen Ausfall und schlägt mit einem ihrer Flügel nach dem Heidewurm.
Die Schlange stürzt sich auf den Flügel und bohrt ihre stark gekrümmten, nadelspitzen Giftzähne durch die weichen Federn, sie preßt die Zähne bis auf den Grund und läßt in bester Absicht mit ruhig geschlossenen Augen das Gift strömen.
Zum Glück für Strix ist es nur eine der hohlen Posen der Schwanzfedern, die die Schlange füllt — und sie schüttelt sie schnell ab.
Da richtet sich der Heidewurm nochmals auf — und diesmal bis zu zwei Dritteln seiner Länge; er schiebt sich lotrecht in die Höhe und so hoch, wie er nur kommen kann, nur sein kurzer, rundlicher Schwanzstummel ruht vom Afterloch bis zur Spitze als tragendes Fundament auf dem Erdboden. Sein schleimgefüllter, eiterspeiender Rachen ist auf Strix’ Kopf gerichtet, er kocht stark und rasselt mit seinen schuppenförmigen Bauchhäuten, während er schwarze Doppelblitze aus seiner drahtdünnen, tiefgespaltenen Zunge entsendet.
Strix ihrerseits ist auch nicht müßig! Ihre hornartigen Nasenlöcher beben und gellen wie von der Luft aufgeweitete Trompetentrichter, und sie träufeln reichlich während ihres Fauchens und Zischens. Sie wiegt sich elastisch auf den federbehosten Ständern, bereit zu Parade und Ausfall.
Da hat sie plötzlich ein Gefühl, als schlage ein eiskalter Schneeklumpen gegen eins ihrer Augen! Die Schlange ist ihr bei ihrem Ausfall dicht auf den Leib gerückt, ehe Strix sich mit dem Schild ihrer Flügel hat decken können — und nun sticht sie sie gerade unter das Auge in die feinbedaunte, empfindliche Haut des Augenlides. Da sie aber schon einmal, nur vor Sekunden, sich zur Genüge entladen hat, vermag sie — zum Glück für Strix — den Stich nicht mit ihrem Gift nachzufüllen.
Strix empfindet nur einen beißenden, brennenden Schmerz — und bis zur Raserei gereizt, langt sie mit ihrem Fang aus. Und diesmal hat sie die Kralle voll; sie packt die Schlange an ihrer schwächsten Stelle, greift sie um den Halsstengel gerade hinten in den Nacken — und sie breitet die Flügel aus und hebt sich mit ihr in die Luft empor. Gleich einem langen Ende Tau schleppt die Kreuzotter ein Stück am Erdboden hinter ihr drein ...
Vergebens sucht die Schlange sich mit dem Schwanz festzuhaken; die Fahrt ist schon zu schnell, als daß es glücken könnte. Da, als sie merkt, daß der Erdboden unter ihr schwindet, zieht sie schnell ihren geschmeidigen Körper in die Höhe — und nun schlingt sie sich um den Leib ihres fliegenden Widersachers. Die Schlange hat Kräfte — und schwer ist sie! Doch Strix ist gewohnt, mit größeren Lasten umzuspringen. Sie hat ja früher ein junges Zicklein weggeschleppt, und sie hat sich nicht gescheut, mit einem Rehkitz anzubinden, fast täglich kämpft sie mit Birkhühnern und Hasen, die tüchtig um sich beißen und kratzen können; mit der Schlange wird sie schon fertig werden — wenigstens vorläufig noch!
Es ist Strix’ Absicht, sie plötzlich loszulassen, so daß sie herabfällt; von dieser Taktik hat sie die wunderbarsten Erfolge erlebt! So wie die Krähe, die sich der widerspenstigen Muschel gegenüber, die sich nicht bereitwillig öffnen will, zu helfen weiß, indem sie sie in den Schnabel nimmt und über einen großen Stein mit ihr aufsteigt, um sie darauf plötzlich herabfallen zu lassen — so kennt auch Strix ihr Gesetz der Schwerkraft.
Aber das abscheuliche Gewürm scheint Strix nicht loslassen zu wollen! Immer dichter windet es sich um ihren Leib; sie fühlt seinen naßkalten, geschmeidigen Schwanz sich unablässig unter ihre Daunen hineinbohren und mit seiner stumpfen Spitze überall prickeln.