Das Meer, das Meer ...
Es kamen Tage, wo das Meer in Aufruhr stand, wo das sturmgepeitschte Wasser von ihm aufstob wie Schneetreiben von einem Felde und Staub von einer Landstraße. Da trieb es die verschiedenartigsten Wracks an Land: Boote und Treppen, Pfähle und Kisten, alles bunt durcheinander, mehr oder weniger zersplittert. Da schwemmte es auch seinen frischen, seegrünen Tang an ... das Meer erntete, mähte selbst den Ertrag seines Bodens und trug ihn, Fuder auf Fuder, längs der Küsten und Ufer heim. Hier lag es am Strande in Haufen und Schobern und bildete neue Welten mit Einfahrten, Förden und Buchten.
Weit draußen am Horizont, unter einem düstern Chaos von Wolken und Regen richtete sich eine Welle nach der andern empor, man sah eine graugrüne Mauer, die in einem Nu mit schäumendem Weiß überpinselt wurde. Dann trat eine Verwandlung ein: die Mauer wurde zu einem Bergrücken, wild und zerrissen schoben sich weißlich-gelbe Felszinnen turmhoch empor, und es stob von ihnen wie Schneewehen ... bis der Wasserberg plötzlich zusammenstürzte und unter lärmendem Gepolter und siedenden Wirbeln in die Tiefe versank.
Und neue Mauern richteten sich empor, und neue Bergrücken schossen auf ... sie tummelten sich feurig, die mächtigen Wogen. Dann veranstalteten sie einen Wettlauf an Land und hauchten mit einem Gekrach ihr Leben zwischen den Steinen aus. — — —
An solchen sturmerfüllten Tagen ... wenn die Abende kamen und die Ragnaroksage auf die Erde wiederkehrte, wenn die Finsternis jede Kreatur bedrückte, so daß sie zitterte ... dann tanzte Strix, während der Horizont flammte, mit Buckel und krummen Flügeln oben auf dem Kamm des Abhanges. Ihre wehenden Federbüsche sträubten sich, die Pupillen wurden groß und der Blick scharf und ätzend.
Aber in den Nächten, die auf solche Tage folgten, fuhr die Wildheit in sie. Sie tötete rücksichtslos, sie wußte nicht warum, sie tötete nur, tötete ... Die Enten, die im Tang lagen und ihren Leib versteckten, fest überzeugt, daß sie sie nicht sehen konnte, nahm sie zu Zweien auf einmal, eine in jeden Fang; sie machte Jagd auf die kleinen Goldammern, die sie sonst gar nicht anrührte, sie quälte ihre gefangenen Ratten, wie eine Katze, und zog jedem Stachelschwein die Haut bei lebendigem Leibe ab.
Und ununterbrochen füllte sie den Strandwald mit ihrem durchdringenden Geheul —: Ho—o! Hu—u! Ha—Ha—Ha!
Im Strandwalde erlebt Strix ihre mageren Jahre.
Die Gegend ist zu rauh, um irgendwelchen Überschuß an Wild zu bergen.
Sie nimmt nicht zu an Wohlbeleibtheit und muß namentlich im Winter alles in Betracht ziehen und auf Mäuse und Bussarde und eingefrorene Seevögel niederschlagen. Nur im Sommer, in der Brutzeit, füllt sie sich mächtig; die Möwenkolonien am Strande entlang müssen ihr erklecklichen Tribut zahlen; sie schnappt die Gössel der Wildgans und die Jungen des großen Sägetauchers weg, und manch ein rundlicher Dachswelpe, manch ein feister Jungfuchs geht in ihrem sackähnlichen Magen zu den seligen Jagdgefilden ein.