Gleich einem sanftabfallenden Halbdach über einem offenen Schuppen senkte sich die ganze Kronendecke nach der See hinab und tauchte den Rand des Daches in Gischt und Schaum. Ein eigenartiges Dach über einem eigenartigen, mit Schlackerwetter angefüllten Schuppen — und doch, wenn man aus See kam und sich zwischen dem Baumgewimmel barg, hatte man ein Gefühl von Wohlbefinden und Traulichkeit, als sei man zu Hause angelangt.
Bei ruhigem Wetter war es so still hier im Strandwald — da kehrte der Paradiesesfriede wieder. Aber bei Sturm und Regenschauern lärmte diese ganze, erwachsene Baumwelt häßlich, sie schrie und stöhnte und schuf die unheimlichsten Laute. Da bebte meilenlang das sturmgestutzte Halbdach, das Wetter legte sich darauf wie ein grober Gesell und versuchte, ob es nicht in den Schuppen hinabgelangen könne.
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Hier hinaus kommt an einem frühen Morgen im Herbst der alte Sonderling, die Eule.
Der Weißdorn steht mit Fleischbeeren da und die Schlehe mit blauschwarzen, kugelrunden Früchten, die Ameisen suchen einen Haufen, und die Wildgänse schmettern mit scharfen, gellenden Schreien eine Fanfare in die Luft über ihrem Kopfe. Sie findet ein Haus zwischen einem Haufen großer Steine mitten in der dichtesten Schlehenfestung.
Hier sitzt Strix, während das Laub von den Bäumen fällt, und spürt, wie es um ihr Haus herum wimmelt von Zügen und abermals Zügen stummer, reisender kleiner Vögel: Laubsänger, Rotkehlchen, Drosseln und dem lieben, leckeren Krammetsvogel, und sie hört den gehetzten Hirsch leise knöhrend umhertrollen und mit seinem Geweih an die Außenwerke ihrer Festung schlagen. Uhm, uhm, grunzt er, wenn er umgeben von ein paar Stücken Kahlwild sich seines Daseins freut; häßlich aber ertönt sein Röhren, wenn er, von den Schleiern des Morgennebels verborgen, sich erkühnt, seinen schallenden Brunstruf auszustoßen.
An den rauhen Novemberabenden, wenn die Meerestiefe grau da liegt und die Wellen in langen, weißen Grundstrichen in die Föhrde hineinjagen, wenn der Horizont Regen verkündet, und der aufgehende Mond mit seinem roten Segel kaum Erlaubnis erhält, hervorzuscheinen, verfolgt sie von ihrem Versteck aus den Zug der Tausenden von Wildenten. Gleich schwarzen Klumpen mit langen Hälsen, steigen sie Schof auf Schof über dem Walde auf, um landeinwärts zu eilen und sich in den Mooren und Sümpfen des Hinterlandes zu bergen. Und sie sieht die Möwen sich in großen Schwärmen vom Meer hereinwiegen und sich im Schutz hinter den Steinen des Strandes schwerfällig zur Ruhe setzen. Da schlägt sie an manch einem Abend eine fette Stockente oder eine wurmgespickte Möwe ... derartig hat sich der Freßsack angefüllt, daß ihm die Regenwürmer lang aus dem Halse heraushängen!
Und hier sitzt sie in den Wintertagen bei Schneegestöber und hört das Meer unter sich tosen und lärmen. Sie fühlt sich sonderbar ergriffen von dem Laut. Es liegt, so scheint es ihr, ein eigenartiges Waldessausen darin, und hohle, tiefe Töne, wie von ihrer eigenen Stimme.
Die dänischen Wälder sind arm an Uhus geworden; Strix’ eigene Art ist dahin, ebenso die Großen ihrer Rasse: Hühnerhabicht, Wanderfalke und Weihe hört sie kaum je mehr — sie weiß nur noch von Meeresbrausen und Waldessausen wie von einem Wesen ihrer Art. —
Sie muß es sich so recht traulich machen, die wunderliche, menschenscheue Eule, wenn sie hier aus der Tiefe ihres steingewölbten Hauses heraus altklug mit Meer und Wald plaudert.