»Natürlich,« stimme ich bei, »Ihre Gründlichkeit hat wieder mal recht, und ich muß es zugeben, trotzdem Sie mir damit meine schöne Sentenz einfach totgeschlagen haben. Es muß auch das rechte Schweigen sein, denn es gibt Menschen, die nur darum für verschlossen und abgründig tief gelten, weil sie einfach nichts zu sagen haben, und weil man sich gar nicht vorzustellen vermag, daß jemand wirklich so gar nichts zu sagen haben kann. Ihre ganze Klugheit besteht darin, zu verbergen, daß sie nichts zu verbergen haben, und es kann lange dauern, bis man dahinter kommt, daß nichts dahinter ist, und daß sie durch und durch oberflächliche Geschöpfe sind. Denn, so paradox es klingen mag, es gibt wirklich Menschen, die durch und durch oberflächlich sind.«

Georg lacht: »Sie haben heute Ihren paradoxen Tag, aber es klingt wieder sehr hübsch, und ich werde mich diesmal hüten, Ihre schönen Sentenzen zu zerstören, so leicht und verlockend es wäre.«

»Ich kenne aber noch eine andere Art von falschen Schweigsamen,« fahre ich fort, »das sind die, die in Gesellschaft mürrisch und verschlossen sind und selten den Mund auftun, außer zum Gähnen, weil es nur ein einziges Thema für sie gibt, und das ist ihre eigene Person. Wie gesprächig werden sie aber, wenn sie auf dies Thema kommen! Es ist ihnen gleichgültig, wer zuhört, es liegt ihnen auch nichts daran, sich in ein besonders gutes Licht zu setzen, ja, sie verleumden sich lieber, ehe sie eine Gelegenheit vorbeigehen lassen, von sich zu sprechen, und sie können in einer Viertelstunde mehr von sich preisgeben, als andere gerne plaudernde Menschen in Jahren.«

Georg zieht nachdenklich den Rauch seiner Zigarette ein, bläst ein paar Ringe und fragt dann: »Steckt nicht in den meisten von uns etwas von dieser Leidenschaft? Und bedeutet sie nicht eigentlich nur eine übergroße Ehrlichkeit?«

»Nun ja,« sage ich, »insoweit ein gewisser Mangel an Schamgefühl Ehrlichkeit bedeutet.« – »So meinte ich's nicht,« unterbricht er mich, »ich meinte die Ehrlichkeit, die darin liegt, kein Interesse heucheln zu wollen. Und ist es nicht fast immer Heuchelei, wenn wir vorgeben, es könne uns irgend etwas auf der Welt mehr interessieren als unsere eigene Person?«

Ich muß lachen, »eine Unterhaltung zwischen mehreren solcher Ehrlichkeitsfanatiker stelle ich mir sehr reizvoll vor. Übrigens müssen sie doch bedenken, daß wir mit jedem Wort, das wir sprechen, von unserer eigenen Person ausgehen und deshalb, streng genommen, immer nur von uns reden. – Das sollte selbst dem unersättlichsten auf diesem Gebiet genügen.«

Wir schweigen eine Weile, und ich sehe, daß Georg, trotzdem er scheinbar seine Rauchringe aufmerksam verfolgt, mit einem Entschluß kämpft. Plötzlich blickt er auf und sagt: »Verzeihen Sie, daß ich so zerstreut bin – aber – ich habe eine Bitte.«

»Zerstreutheit ist bekanntlich immer der höchste Grad von Aufmerksamkeit, nämlich für eine andere Sache,« antworte ich, »und deshalb dachte ich mir's gleich, daß Sie etwas auf dem Herzen haben. Also – herunter damit.«

»Ja,« sagt er ein bißchen stockend, »es ist vielleicht eine sonderbare Bitte, aber Sie werden mich nicht mißverstehen: Ich möchte Sie für mein Leben gern mit meiner Freundin bekannt machen.«

Ich schweige einen Augenblick und frage dann, um Zeit zu gewinnen: »Ist es die junge Frau mit den schönen Schultern?«