Hier muß ich so laut herauslachen, daß eine der Hausdamen den Kopf zur Tür hereinsteckt und daran erinnert, daß Ruhezeit ist, und daß man uns im ganzen Haus hören könne.
»Das spricht für die Harmlosigkeit unserer Unterhaltung,« versichert Burmeister treuherzig, schiebt aber mit Rücksicht auf das ganze Haus unsere Stühle so dicht wie möglich zusammen und fragt mich im Flüsterton, ob ich Janssens Auffassung nicht sehr berechtigt fände.
»Mir scheint,« sage ich, »der Gute sucht sich an der ganzen Literatur dafür zu rächen, daß die Worte ›Meine Ruh' ist hin, mein Herz ist schwer‹ nicht in der Jungfrau von Orleans vorkommen, wie er neulich behauptet und beinahe beschworen hat.«
»Sie könnten auch ganz gut da vorkommen,« verteidigt der Assessor seinen Freund. »Und überhaupt, Schiller oder Goethe, so feine Nuancen braucht man wirklich nicht zu kennen. Mich quält aber schon seit Wochen eine andere Frage und zwar, welchen Befähigungsnachweis Janssen erbracht hat, um an Ihrem Tisch aufgenommen zu werden.«
»Es war wohl hohe Protektion dabei im Spiel, wie bei mir auch,« antworte ich. »Der Doktor glaubte, mir damit gutzutun, und dabei blicke ich doch immer voll Sehnsucht zu Ihnen hinüber –«
Burmeister verneigt sich. »Ich meine natürlich zu Ihrem Tisch, dem Tisch der Harmlosen, dem Tisch der holden Gewöhnlichkeit, wie Thomas Mann alias Tonio Kröger sagen würde. Es ist oft so abspannend bei uns.«
»Ach, glauben Sie ja nicht, daß es bei uns leichter ist,« warnt er eifrig. »Es ist ein aufreibendes Stück Arbeit, bis zum Beispiel jeder Kurgast jeden Kurgast davon überzeugt hat, was für eine vornehme Persönlichkeit er in Berlin oder Stettin oder Frankfurt ist, und ich weiß nicht, ob die Sache dadurch einfacher oder komplizierter wird, daß jeder nur zuhört, solange er selber redet und voll Sehnsucht diesem Moment entgegenlebt, solange ein anderer das Wort hat.«
»Ich finde, Sie sind ein bißchen überheblich, Burmeister,« sage ich. »Sie müssen doch immer bedenken, daß wir uns in einem Sanatorium für Nervöse und Überarbeitete aufhalten.«
»Ja richtig,« antwortet er, »und dabei fällt mir ein, daß ich Sie schon lange etwas fragen wollte, und zwar etwas sehr Plumpes und Taktloses, wie ich vorausschicken muß. Ich fühle mich dabei lebhaft in die Zeit meiner ersten Kinderkostümfeste versetzt, bei denen ich es, trotz mütterlicher Ermahnungen, nie unterlassen konnte, an alle mich umgebenden Masken mit der taktlosen Frage heranzutreten: ›Als was bist du eigentlich hier?‹ Was die verschiedenen Spanier, Rotkäppchen und Schornsteinfeger jedesmal in peinliche Verwirrung versetzte. Also, gnädige Frau, nehmen Sie's nicht übel, Sie sind so staunenswert unnervös, eine Wortbildung, die es eigentlich nicht gibt, und für die demnach kein starkes Bedürfnis vorzuliegen scheint, und vor dem Gedanken, daß Sie sich jemals im Leben überarbeitet haben, schreckt die kühnste Phantasie zurück. Also, ich kann nicht anders: Als was sind Sie eigentlich hier?«
»Lieber Herr Burmeister,« sage ich, »ich wußte natürlich, daß diese Frage kommen würde, und habe mir während Ihrer schönen Einleitung überlegt, ob ich sie beantworten darf. Es ist nämlich ein Geheimnis dabei im Spiel.«