»Sie löst es spielend,« antworte ich. »Der große Dichter spricht immer kauend, wodurch der Sinn seiner Reden nicht klarer wird, der kleine ist für sehr reichliche Nahrungsaufnahme, aber er beeilt sich kolossal, schiebt mir oder seiner Nachbarin zur Linken schnell seine abgegessenen Teller hin und stürzt sich kopfüber ins Gespräch. Der Doktor ißt ja überhaupt fast nichts aus lauter Zerstreutheit und ist zufrieden und glücklich, wenn er, wie jener sagenhafte Heinrich, jeden Mittag wenigstens einen Dichter im Topf hat.«

»Erlauben Sie,« wendet Burmeister höflich ein, »es war ein Huhn, das jener sagenhafte und ziemlich weltfremde Heinrich jeden Sonntag im Topf seiner Untertanen zu sehen wünschte; und ich hege einen zu großen Respekt vor allem, was sich dichtend betätigt, um diese Verwechslung gutheißen zu können. – Ich als simpler Bürger –«

»Ich bitte Sie, ein preußischer Regierungsassessor,« erinnere ich ihn, aber er wehrt nervös ab: »Ach bitte, bitte! Ich bin, wie Sie wissen, ohne jeden Standeshochmut. Und überhaupt, preußischer Assessor, das höre ich gern! Welche gräßlichen Vorstellungen knüpfen sich an dieses Wort! Ein unsympathischer und streberhafter Geselle ohne Gemüt und Idealismus, so leben wir in jedem deutschen Roman, so laufen wir durch jedes deutsche Drama.

Immer müssen wir die undankbaren Episodenrollen spielen, sind sozusagen die Schlagschatten, durch die die Lichtgestalt des Helden um so leuchtender erscheint. Und ich weiß nicht einmal, warum die Volksseele auf diese frevelhafte Weise vergiftet wird. – Wir sind eben die Stiefkinder der Literatur,« setzt er in so tragischem Ton hinzu, daß ich gerührt werde und ihm verspreche, demnächst ein Drama zu schreiben, das eine Ehrenrettung sämtlicher Assessoren der Welt mit besonderer Berücksichtigung Preußens werden solle.

»Ich danke Ihnen,« antwortet er und verbeugt sich, soweit der Liegestuhl es zuläßt. »Es wird eine befreiende Tat sein. – Apropos befreiende Tat,« fährt er lebhaft fort, »hat sich denn immer noch niemand im Sanatorium dazu bereit finden können, die interessante Frau, die an Ihrer Tischecke da oben sitzt und in eminenter Geistigkeit macht, geräuschlos aus der Welt zu schaffen?«

»Ach nein,« antworte ich, »Sie vergessen, daß wir leider alle noch nicht in dem vorgeschrittenen Stadium sind, in dem der Staatsanwalt und die Geschworenen auf Freisprechung erkennen müssen.«

»Traurig, traurig!« sagt er und überlegt. »Was ist denn alles hier an schönen Sachen? Vollkommene Geistesgestörtheit? Nein. Totaler Stumpfsinn? Schon eher, aber das gibt höchstens lumpige mildernde Umstände. Vielleicht ginge es mit sinnlosen Wutanfällen. Und ich bin sicher, vor jedem Gerichtshof der Welt Verständnis zu finden, wenn ich behaupte, daß diese Trägerin eminenter Geistigkeit und noch eminenterer Dummheit mich täglich in sinnlose Wut versetzt, wenn sie ihre unkontrollierbaren indischen und chinesischen Weisen in den Himmel hebt und mit verächtlich herabgezogenen Mundwinkeln von dem langweiligen Moralphilister Kant, dem verwirrten Schwätzer Nietzsche und dem salbadernden Geheimrat Goethe spricht. Kein Gerichtshof der Welt –«

»Tun Sie's trotzdem nicht,« unterbreche ich ihn. »Ihr Klaps ist leider noch nicht vorgeschritten genug, um vor den Sachverständigen zu bestehen. Und schließlich, was tut sie Schlimmes? Wenn sie nicht gerade ihre Verachtung für alles Europäische kundgibt, oder mit dem kleinen Dichter über Fragen des Unterbewußtseins diskutiert, ist sie harmlos. Sie spielt die Kosmopolitin, seitdem sie mit ihrem Mann ein paar Wochen in China war oder in Australien, was ja schließlich dasselbe ist. –«

»Erlauben Sie mal!« fährt er entsetzt in seinem Stuhl hoch. »Ich meine ja nur, was den Effekt betrifft,« beruhige ich ihn. – »Und das Unterbewußte, das ist nun einmal des kleinen Dichters Steckenpferd.«

»Ich weiß,« sagt Burmeister bekümmert, »Ihr Tischgenosse Janssen hat mir erzählt, daß er ihn schon zweimal mit der Frage nach seinem unterbewußten Empfinden in die tödlichste Verlegenheit versetzt hat. Janssen fand das gemein und anstößig, noch dazu in Gegenwart von Damen und nennt den kleinen Dichter seitdem nur noch ›Mayer mit dem Unterbewußten‹.«