Bald darauf haben wir's uns mit Hilfe von Kissen und Decken in unseren Liegestühlen bequem gemacht, und Fritz Burmeister sagt: »Na, bei Ihnen da drüben am Tisch der Berufenen und Auserwählten ging's ja heute wieder mal verflucht kriegerisch zu. Mir dröhnen noch die Ohren. Um welche heiligsten Güter wogte denn der Kampf so geräuschvoll hin und her?«

»Sie hatten heute Dostojewsky vor,« berichte ich seufzend und streife die Asche von meiner Zigarette. »Die Brüder Karamasow waren dran, und sie stritten darüber, ob das Buch mehr typisch russisch oder mehr typisch menschlich sei. Und dabei kamen sie auf das typisch Menschliche im allgemeinen zu sprechen, und der große und der kleine Dichter gerieten einander in die Haare, und da ich gerade zwischen den beiden sitze, geriet ich in die Gefahr, im Interesse der typischen Menschlichkeit zerquetscht oder erschlagen zu werden.«

»Traurig, traurig,« sagt der kleine Assessor, »aber warum krakehlen Sie nicht mit? Das ist gewöhnlich die einzige Rettung. Ich könnte es ja natürlich nicht, denn ich lese keine russischen Romane. Nicht etwa aus irgendeinem patriotischen oder moralischen Prinzip heraus, nein einfach nur, weil ich die Namen darin nicht behalten kann. Wenn nämlich der eine Fedor Alexandrowitsch heißt und ein anständiger Mann ist, dann heißt der andere unfehlbar Alexander Fedorowitsch und ist ein Schurke, und ich bin mir am Schluß des Buches immer noch unklar darüber, wer der eine und wer der andere war. Aber Sie mit Ihrem glänzenden Namengedächtnis –«

»Ach, darauf kommt es nicht an,« sage ich, »und Sie hätten ruhig mitreden können. Man kann nämlich das Blödsinnigste sagen, ohne daß einer es merkt. Heute tat ich nur deshalb nicht mit, weil ich essen wollte.«

»Was sicher das typisch Menschlichste an der Sache war,« entscheidet er und fährt fort: »Ich begreife überhaupt nicht, wie man die Geschmacklosigkeit haben kann, bei Tisch Welträtsel zu lösen!«

»Ach, wenn die Beefsteaks so hart sind wie gestern abend, dann löse ich gern mit,« erkläre ich ihm. »Es war einfach unerhört, die reinen Schuhsohlen! Der große Dichter war auch empört und mußte kohlensaures Natron hinterher nehmen.«

Burmeister schweigt einen Augenblick, und ich sehe ihn erstaunt ob der ungewohnten Pause an. Da hebt er aber auch schon den Zeigefinger und deklamiert pathetisch:

»Er sprach, ich bin kein Sohlenkauer, drauf nahm er Natron kohlensauer.« – »Schauderhaft,« sage ich, und er antwortet mit dem treuherzigen Sanatoriumspruch, der hier all unsere Sünden decken muß:

»Das ist nun mal mein Fimmel, deshalb bin ich hier! –

Übrigens,« fährt er fort, »zeigt es sich nach Ihrer Aussage wieder einmal deutlich, daß die Lösung des Welträtsels nur eine Magenfrage ist, und wer weiß, wie nahe wir morgen mit Hilfe des Beefsteaks der endgültigen Entscheidung kommen. – Wie verhält sich aber Ihre Tischgesellschaft zu dem schwierigen Problem der gleichzeitigen geistigen und leiblichen Ernährung?«