Karl Gerhard lehnt sich im Sessel zurück, stützt die Fingerspitzen gegeneinander und sagt bedächtig: »Gestatten Sie mir, zu bemerken, was schon der alte Fritz Reuter richtig herausgefunden hat, daß nämlich die Armut allemal von der Pauvreté herrührt. Wenn ich die kleinen Freuden des Lebens genießen könnte, dann wäre ich gesund und brauchte Ihnen nicht mit Jammertönen lästig zu fallen. – Aber das ist's ja,« fährt er heftig fort, »von jeher haben die satten Leute den armen hungrigen Teufeln gesagt: ›Was klagt ihr über Hunger! Seht doch um euch und genießt die herrliche Natur und die Schönheiten des Lebens und der Kunst!‹ – Und von jeher haben die armen Teufel dagegen geschrien: ›Macht uns erst satt!‹ – Denn wer kann Michelangelo genießen und Schuberts Unvollendete und den Lago Maggiore, solange ihm der Hunger die Eingeweide zerreibt!«
Und er legt den Kopf im Sessel hintenüber und schließt die Augen.
Ich sehe ihn eine Weile schweigend an und sage dann: »Immer muß ich doch denken, wieviel Glückliche man machen könnte mit dem Glück, das in der Welt ungenutzt verlorengeht. Da sitzen Sie nun, jung und gesund und unabhängig und begabt wie wenige –«
»Wie hübsch,« unterbricht mich Gerhard lächelnd, »daß sich auch bei Ihnen einmal weiblich ökonomische Instinkte melden! Nichts umkommen lassen, ist ja die erste Hausfrauenregel, mögen es nun Brotkrumen sein oder Glücksmöglichkeiten, die unter den Tisch gefallen sind.« – »Sie sollen nicht unter den Tisch fallen,« sage ich heftig. »Wo ist Ihr Ehrgeiz und Ihr Glaube an sich selbst, der Glaube, von dem Sie einmal sagten, daß es der einzige sei, der Berge versetzen könne.«
»Ich will keine Berge mehr versetzen,« sagt Gerhard müde und steht auf. »Ich will jetzt nur noch eins: irgendwo hingehen, wo es warm ist. Mir ist in diesem Augenblick so erbärmlich kalt zumut. Und darin haben Sie recht, wir müssen uns aus den Fetzen des Lebens etwas zurechtschneidern, was vor der bittersten Kälte schützt.«
»Ja,« antworte ich, »wir alle. Aber die Fetzen, die wir zu dem schützenden Mantel verwenden, die zeigen, wer wir in Wahrheit sind. Der eine geht zur Bar, um sich zu erwärmen, der andere schafft ein unsterbliches Werk. Denn was sind alle großen Werke anderes als ein Mantel, den ein armer frierender Mensch um seine zitternde Blöße gedeckt hat und um seine Wunden und Male? Und was ist alle Tollheit und aller Rausch und alle Niedrigkeit anderes, und was alles Insichversinken und Träumen anderes als ein Schutz gegen die Kälte da draußen? Aber das Material, das wir zu dem Mantel wählen, Gerhard, das ist's, das über uns entscheidet.«
Gerhard kommt plötzlich einen Schritt näher und streckt mir die Hand hin. »Ich will wieder arbeiten,« sagt er mit so eindringlicher Plötzlichkeit, daß ich wider Willen lächeln muß.
»Fein,« sage ich und reiche ihm die Hand. »Ehrenwort?«
Er zuckt die Achseln. »Für einen anständigen Menschen ist jedes gegebene Wort ein Ehrenwort.«
»Hören Sie, Gerhard, mit dieser Sentenz auf den Lippen müßten Sie gehen, es wäre ein vorzüglicher Abgang.«