»Darf ich noch einen Augenblick bleiben?« – »Ja,« sage ich, und er setzt sich und starrt vor sich hin.

»Und ich hatte mir geschworen, nie mehr hierherzukommen!«

»Du lieber Himmel!« sage ich, »wenn es einen Gerichtshof für all die Meineide gäbe, die wir uns selber schwören! – Aber vielleicht wäre es doch besser gewesen, Sie hätten diesmal Ihren Schwur gehalten, wenigstens ein paar Wochen lang –«

Er sieht mich an und schüttelt langsam den Kopf.

»Denn sehen Sie,« fahre ich fort, »es gibt außer diesem Zimmer noch so viel Schönes auf der Welt, das zu sehen und zu genießen lohnt.«

»Ach, ich verstehe,« sagt er, »eine kleine Reise oder so etwas, was bessere Leute in meinem Fall immer zu unternehmen pflegen. Wenigstens steht es so in allen schlechten Romanen der Weltliteratur, daß der unglückliche Held eine Reise um die Welt unternimmt und gereinigt und herrlicher denn je an die Stätte seiner früheren Leiden zurückkehrt. Manchmal bringt er sich ein Mädchen von den Fidschiinseln mit, das an Holdheit alles Lebende überstrahlt und die schnöde, heimische Kokette bis auf die Knochen blamiert. – Es kann auch eine Geisha sein, aber das ist veraltet und sentimental, und die Fidschiinseln und Neuseeland sind sozusagen noch unberührter Boden. Vielleicht gestatten Sie, daß ich Ihnen von da aus eine Ansichtskarte –«

»Gerhard,« sage ich, »wer bringt jetzt den bitteren Ton hinein?« Und nach einer kleinen Pause: »Ich finde übrigens auch, daß eine Reise als seelisches Heilmittel veraltet und literarisch ist. Man denkt an Goethe und Italien, und die ganze Literaturstunde steht vor einem auf. Und ich glaube auch, es ist gleichgültig, ob man da oder dort ist, solange man sich selber überall mit hinschleppt.« – »Jawohl,« sagt Gerhard, »einmal aus der Haut fahren, das wäre noch das einzige.«

»Nein, über sich selbst hinauswachsen, oder vielmehr bis zu sich selbst hinwachsen, – denn Sie wissen es ja, unser wahres Selbst liegt nicht tief verborgen in uns, sondern hoch über uns –«

Gerhard nickt langsam: »Nietzsche, und ein großes Wort. – Aber, Gott sei's geklagt, sie helfen uns nicht, die großen Worte.«

»Nun, dann ein kleines, wenn Sie die großen nicht lieben. Wir müssen versuchen, das In-uns zu ändern, wenn wir das Außer-uns nicht ändern können. Wir müssen versuchen, uns anders einzustellen und an den kleinen Dingen des Lebens Freude zu gewinnen. Glauben Sie mir, wir leben alle von der Hand in den Mund und müssen uns aus lauter kleinen Stücken und Stückchen etwas zurechtschneidern, was vor der schlimmsten Kälte schützt.«