Der kleine Dichter lacht. »Meiner bescheidenen Erfahrung nach nicht. Aber Sie haben recht, wir haben die Frau auf das ehrenvolle Piedestal erhoben. Im Manne ist eine Sehnsucht nach Reinheit, eine Andacht und Ehrfurcht vor der Unbeflecktheit des Weibes, die ihn trotz allem der Frau gegenüber zu dem ethisch höherstehenden Wesen macht. Bedenken Sie nur, daß selbst guterzogene und gut veranlagte Mädchen den berüchtigten Don Juan dem Tugendhelden vorziehen, während wir, trotz aller Verirrungen, das reine, das jungfräuliche Weib am meisten lieben.«
»Ja, ja,« sage ich nachdenklich, »aber wie läßt sich diese rätselhafte, höchst widerspruchsvolle Tatsache erklären, denn mit einer höheren ethischen Veranlagung des Mannes hat sie sicher nichts zu tun.«
»Ich finde das unrecht,« schmollt er, »nicht mal das bißchen höhere Ethik gönnen Sie uns, doch sicher einer der am wenigsten begehrten menschlichen Vorzüge. Oder halten Sie es vielleicht für ein Vergnügen, moralisch zu empfinden?«
»Sicher nicht,« antworte ich. »Ihr würdet euch sonst stärker damit belasten. Aber ich glaube, ich habe des Rätsels Lösung gefunden: Aus Egoismus liebt der Mann das jungfräuliche Weib, nicht aus Ehrfurcht vor ihrer Reinheit, sondern aus dem rohen Verlangen heraus, der Erste zu sein, der diese Reinheit besitzt und der sie zugleich zerstört. Und aus tief ethischem Empfinden liebt die Frau den gesunkenen Mann, aus Opfer- und Schmerzbereitschaft und aus dem Trieb heraus, ihn zu heben und zu erlösen –«
Ich sehe den kleinen Dichter stolz an, aber der schüttelt baß verwundert den Kopf.
»Ei du liebes Herrgöttle!« sagt er, »seit wann sind Sie denn so begeistert weiblich gesinnt? Und wer sagt denn, daß wir partout eure Reinheit zerstören wollen? Daß wir's tun, ist eine bedauerliche Nebenerscheinung, aber doch nicht Zweck und Ziel. Im Gegenteil, es stimmt uns traurig und läßt uns immer von neuem nach neuer Reinheit und Unberührtheit suchen. Daher der Typ des Don Juan, der rastlos sucht und der erst zur Ruhe kommen kann, wenn er das Ideal gefunden hat, die Frau, deren Reinheit unzerstörbar ist, Mutter und Jungfrau zugleich. Denn das ist nicht allein das Ideal der katholischen Kirche, der Madonnenkult lebt in jedem Mann.«
»Nun,« antworte ich, »ich bin sicher, sämtliche Lebejünglinge und -greise werden Ihnen Dank wissen, daß Sie aus ihrer Unersättlichkeit die Sehnsucht nach einem Ideal, sozusagen also aus ihrer Not eine Tugend gemacht haben. Wie auch alle abenteuerlustigen Backfische mir dankbar die Hand küssen sollten, wenn ich ihre Sensationsgier in Opferfreudigkeit umdichte. – Denn man kann bekanntlich alle Dinge so und anders sehen, das Gegenteil ist meistens ebenso richtig.«
Der kleine Dichter hat sich wieder an den Tisch gesetzt und raucht mit Hingebung seine Zigarette.
»Die Weisheit der Temperamentlosen,« bemerkt er und fährt plötzlich mit nervöser Gereiztheit fort: »Sie sollten sich nicht zu ihr bekennen. Wer alles so und anders sehen kann, der mag sehr weise sein, aber er kann nichts hassen und nichts lieben. Er liebt einmal hier und einmal da, und vielleicht gibt es sogar Menschen, die hier und da zugleich lieben können. Wer weiß es?«
»Ja, wer weiß es?« wiederhole ich und zünde mir eine Zigarette an. Und dann, in unseren gewohnten Neckton verfallend, füge ich lächelnd hinzu: »Kleine Dichter müssen nicht so viel fragen. Sie kennen ja bekanntlich die Welt durch Antizipation und brauchen unsere Weisheit nicht.«