[70]. Das Gedächtnis des Pferdes.

Jeder Kutscher wird uns bestätigen, daß Pferde ein ausgezeichnetes Gedächtnis besitzen. Selbst in der Großstadt kann man solche Leistungen bewundern. So war vor dem Weltkriege unser Brotkutscher einmal erkrankt und hatte nach Art dieser Leute kein Verzeichnis seiner Kunden. Da riet er, einen Mann auf den Bock zu setzen und in jedem Hause, wo das Pferd anhielt, nach dem Kunden zu fragen. So erhielten sämtliche Kunden ihr Brot.

Das Gedächtnis der Tiere ist vielfach besser als das des Menschen. Schon im Altertum hat man das gewußt. Denn der Held Odysseus, der nach 20 Jahren in seine Heimat zurückkehrt, wird von keinem Menschen wiedererkannt, nur von seinem treuen Hunde. Wenn man auf einem langgestreckten Jagdrevier die geschossenen Hasen nicht alle mitschleppen will, sondern in ein Gebüsch steckt, um sie bei der Rückkehr mitzunehmen, so ist der Jäger abends oft im Zweifel, ob und wo er morgens einen Hasen versteckt hat. Der Hund dagegen weiß immer Bescheid. Das Gedächtnis kann also keine geistige Gabe sein, sonst könnte sie beim Tiere nicht stärker entwickelt sein als beim Menschen. Da auch Kinder ein besseres Gedächtnis haben als der Erwachsene, so geht auch hieraus hervor, daß es sich um keine geistige Fähigkeit handelt.

Das Tier hat aber ein hervorragendes Gedächtnis nur für Dinge, die es interessieren. Die rechnenden Pferde in Berlin und Elberfeld waren insofern Ausnahmeerscheinungen, als sie sich für Sachen interessierten, die einem Pferde sonst ganz fernliegen, nämlich Lesen, Schreiben und Rechnen. Von einem wirklichen Verstehen unserer Sprache, sowie von einem wirklichen Rechnen kann natürlich keine Rede sein. Vielmehr hatten sich die Pferde vermittels ihres vortrefflichen Gedächtnisses gemerkt, was sie auf gewisse Laute für Hufbewegungen zu machen hatten. Der sogenannte kluge Hans in Berlin klopfte also neunmal mit dem Hufe auf, wenn sein Lehrmeister, Herr von Osten, ihn fragte: Wieviel ist 7 und 2? Er hatte die richtige Antwort in mehrjährigem Unterricht so oft gehört, daß er die Frage spielend leicht beantworten konnte.

Neuerdings sind in Stuttgart Versuche über die geistigen Fähigkeiten der Hunde angestellt worden, woraus sich ergibt, daß Hunde trotz ihres schwachen Gesichts die Anzahl von Gegenständen schneller erfassen als der Mensch. Das halte ich für durchaus möglich. Es ist für den Wolf, den Fuchs und andere hundeartige Tiere von großer Bedeutung, die Anzahl der Pflanzenfresser, also die Zahl der zu einem Rudel gehörigen Hirsche, die Zahl der Küchlein bei einer Wildente und in ähnlichen Fällen genau zu wissen. Was dagegen sonst von den Aussprüchen der ihre Ansicht klopfenden Hunde mitgeteilt wird, steht in völligstem Widerspruch mit unseren bisherigen Anschauungen über die geistigen Fähigkeiten der Tiere. Man wird daher erst abwarten müssen, um die Ergebnisse nachzuprüfen. Vorher kann man zu ihnen keine Stellung nehmen.

Es ist klar, daß ein Pferd, das neunmal klopft, auf die Frage 7 und 2, deshalb noch nicht rechnen kann. Denn die Zahlen 7 und 2 sind abstrakte, d. h. gedachte Begriffe. Es ist schon zweifelhaft, ob ein Tier anschauliche Begriffe versteht, z. B. den Begriff Hund, Pferd usw. Diese Frage wird man wohl bejahen können. Dagegen haben wir nirgends den geringsten Anlaß, um anzunehmen, daß ein Tier für gedachte Begriffe Verständnis besitzt.

Das Tier kann also die Zahlen klopfen, wie ein Kind ein Wort nachplappert. Aber von einem Verständnis hierfür sind beide weit entfernt.

Menschen, die über solche Sachen nicht nachgedacht haben, verfallen leicht in die merkwürdigsten Irrtümer.

[71]. Das Verständnis des Pferdes für Kommandoworte.

Ein lehrreicher Versuch wurde vor dem Kriege mit Militärpferden angestellt. Jeder Kavallerist schwört darauf, daß die Pferde die Signale verstehen. Weiß er doch, daß sie die nötigen Bewegungen viel richtiger ausführen, wenn er das Tier sich allein überläßt, als wenn er es lenkt.