Elefanten bleiben stets in Herden. Es ist also ausgeschlossen, daß ein einzelner Elefant durch Zufall die Uebergangsstelle gefunden hat.

Wäre der Instinkt eine vererbte Fähigkeit, so müßte sie versagen, sobald neue, ungewohnte Verhältnisse vorliegen. Ist das der Fall?

In der Wirklichkeit ist davon nichts zu merken. Im achtzehnten Jahrhundert hat ein Sonderling in der Nähe von Kassel eine Affenkolonie gegründet. Diese Tiere bewegten sich vollkommen frei und gediehen trotz unserer kalten Winter prächtig.

Wir müssen unsere Kinder immer wieder warnen, daß sie keine unbekannten Früchte oder Beeren essen. Trotzdem kommen alljährlich Vergiftungsfälle vor. Woher wußten nun die Affen, welche Beeren und Früchte für sie bekömmlich waren oder nicht? Sie stammten aus Afrika, und ihr vererbtes Wissen konnte ihnen in Deutschland doch nichts nützen.

Früher gab es kein Saccharin und keine Kunstwaben. Wenn der Instinkt auf Vererbung beruht, so müßten die Bienen dem Saccharin und den Kunstwaben ratlos gegenüberstehen. Das Gegenteil ist eingetreten, wie die Bienenzüchter übereinstimmend bekunden. Alle Bienen haben das Saccharin abgelehnt, und alle haben die Kunstwaben benützt. Die Sache mit dem Saccharin können wir uns zur Not erklären. Der Süßstoff hat den feinriechenden Bienen übel gerochen. Aber weshalb alle Bienen die Kunstwaben angenommen haben, bleibt ein vollkommenes Rätsel.

Wir müssen uns also bescheiden und offen zugeben, daß wir vorläufig für den Instinkt keine zufriedenstellende Erklärung geben können.

Auch bei uns Menschen spielt der Instinkt eine weit größere Rolle, als man gewöhnlich annimmt. Insbesondere lassen sich Frauen von ihren Instinkten in vielen Fällen leiten. Es kommt oft vor, daß eine Frau erklärt, wenn ihr Mann einen Bekannten einführt: »Schaffe mir diesen Menschen aus den Augen – ich kann ihn nicht leiden!« Einen Grund für diese Abneigung kann sie nicht angeben, aber sie verläßt sich auf ihren Instinkt.

Vielleicht ist unser Erstaunen über die durch den Instinkt veranlaßten zweckmäßigen Handlungen ganz unbegründet. Denn das Leben wäre kein Leben, wenn ein freilebendes Tier nicht seine Feinde und seine Nahrung kennen würde, schwimmen könnte usw. Diese Fähigkeiten gehören also zum Begriffe des Lebens. Sie verschwinden da, wo sie zum Leben nicht mehr erforderlich sind, beispielsweise bei den Haustieren und Menschen. Der Mensch kann durch sein Gehirn die meisten Instinkte ersetzen.

Hiernach müßten wir uns nicht über die Instinkte der Tiere wundern, sondern darüber, daß wir als Menschen so wenige haben.