Oder ich nehme es an das offene Fenster. Es wird ebenfalls nicht hinunterfallen, während man Kindern fortwährend zurufen muß: Nehmt euch in acht, damit ihr nicht hinunterfallt!
Jetzt setze ich das Kätzchen auf eine Holzplatte und stelle die Platte schräg. Sofort bringt es seine Krallen zum Vorschein und hält sich fest.
Wie oft fliegen Vögel, wenn sie ein böser Bube ausnehmen will, sofort ohne jeden Unterricht aus dem Neste! Ich zog einmal einen jungen Kuckuck groß, der in einem Bauer stak. Er hatte noch niemals Flugversuche gemacht. Eines Tages flog er vom Tische in dem Garten, wo ich ihn fütterte, tadellos nach dem nächsten Baum und setzte sich auf einen Ast.
Wenn man sich die Schwierigkeit des Fliegens vorstellt, dann muß man staunen, daß ein Tier ohne jede Anleitung sofort alles richtig macht. Abfliegen, Fliegen, Anhalten, Sichsetzen auf den Ast. Niemand konnte dem Kuckuck ansehen, daß er das alles zum ersten Male macht.
Solche äußerst zweckmäßigen Handlungen sehen wir bei den Tieren in zahlloser Menge. Sie erkennen ihre Feinde, wissen die passende Nahrung, vermeiden giftige Stoffe, suchen Heilpflanzen auf, wandern zur rechten Zeit, wissen den Gefahren der Witterung zu entgehen usw. So nahmen Krähen, die der Jäger durch Phosphorpillen vernichten wollte, als Gegenmittel Ebereschenbeeren und wurden dadurch wieder gesund. Wo der Mensch Unterricht und Belehrung braucht, Aerzte aufsuchen muß und tausend andere Schwierigkeiten überwinden muß, um sein Leben durchzuführen, können wir bei den Tieren nichts Derartiges beobachten. Und trotzdem leben sie doch. Ja, die Tiere in der Freiheit leben sogar viel gesünder als unsere Haustiere.
Wie sollen wir uns das, was sich alltäglich vor unseren Augen abspielt, erklären?
[69]. Was verstehen wir unter »Instinkt« bei den Tieren?
Weil wir für die zuletzt genannten Handlungen keine Erklärung finden können, so haben wir uns darüber geeinigt, daß wir als Grund für diese unbewußt zweckmäßige Handlungsweise den »Instinkt« angeben.
Der große Naturforscher Darwin hat den Instinkt in folgender Weise zu erklären versucht. Er behauptet, daß die zweckmäßige Handlungsweise vor Urzeiten von einem Vorfahren zufälligerweise angewendet wurde. Da sich die Handlungsweise als zweckmäßig erwies, so kam das Tier dadurch in einen Vorteil vor seinen Artgenossen. Es vererbte seine zweckmäßige Handlungsweise auf seine Nachkommen.
Diese Erklärung ist sehr gelehrt, ist aber mit den Tatsachen durchaus unvereinbar. Elefantenherden überschreiten die Gebirge an den günstigsten Stellen, so daß sie seit Urzeiten für die Menschen als Lehrmeister im Wegebau dienen. Genau so ist der Eisbär in unwegsamen Polarländern der Wegweiser für Polarreisende. Wir können uns keine Vorstellung davon machen, woran ein Elefant bei einem riesigen Gebirge den zum Ueberschreiten günstigsten Paß erkennt. Sein Auge ist obendrein auffallend schwach, und sein feiner Geruch kann ihm am Fuße eines Gebirgsstocks ebenfalls nichts nützen.