[68]. Die geistigen Fähigkeiten der Tiere.

Wir haben jetzt eingesehen, wie außerordentlich schwierig es ist, die geistigen Fähigkeiten der Tiere zu beurteilen. Die Tierliebhaber erheben sie in den Himmel, während die Gegner die Tiere nur als Maschinen betrachten. Als im Jahre 1904 der sogenannte »kluge Hans« vorgeführt wurde, glaubten viele Berliner, die sich das Pferd des Herrn von Osten angesehen hatten, daß ein Pferd sich durch geeigneten Unterricht, wie ihn Herr von Osten erteilt hatte, die Kenntnisse eines zwölfjährigen Knaben, namentlich aber Lesen und Rechnen, aneignen kann.

Nehmen wir einen Fall, wie er sich in Wirklichkeit unzählige Male ereignet hat. Wir haben uns vollständig verirrt. Der Kutscher weiß nicht mehr, wo der richtige Weg ist. Es wird dunkel, und wir fangen an zu frieren. Niemand ist weit und breit, den wir nach dem Wege fragen könnten. Da macht der Kutscher es, wie es so oft schon geschehen ist, – er überläßt dem Pferde die Führung. Und das Pferd schlägt ohne Besinnen einen Weg ein, der uns in stockdunkler Nacht nach unserm Ziele bringt.

Oder wir wollen an den vorher erwähnten Reiter denken, der, von Durst gemartert, schon zu phantasieren beginnt und die Zügel nicht mehr halten kann. Da fängt sein Pferd plötzlich an, im Sande zu scharren, und nach kurzer Zeit ist eine unterirdische Quelle freigelegt.

Oder ein Jäger hat bei Eintritt der Dämmerung einen Rehbock geschossen. Er hat keine Zeit, den nächsten Morgen abzuwarten. Deshalb holt er seinen Hund und wartet zunächst die Zeit ab, die nach solchen Schüssen üblich ist. Inzwischen ist es so dunkel geworden, daß man nicht mehr die Hand vor Augen sehen kann. Der Jäger braucht also eine Laterne, um überhaupt die Stelle wiederzufinden, wo der Rehbock gestanden hat. Auf diese Anschußstelle führt er den Hund. Dieser läuft mit gesenkter Nase der Fährte nach. Es dauert nicht lange, so hört der Jäger das Gebell seines Hundes, das ihm anzeigt, daß er den Bock gefunden hat. Wo der Mensch nichts sah, findet der Hund einen geschossenen Rehbock.

Kann man es im Ernste einfachen Leuten verdenken, daß sie, wenn sie solche Sachen erlebt haben oder täglich erleben, von der Klugheit der Tiere schwärmen? Die Gegner haben ja natürlich darin durchaus recht, daß die Tiere diese Leistungen nicht auf Grund geistiger Gaben verrichten. Der Hund findet den Rehbock in der dunklen Nacht, weil seine Augen in der Dunkelheit viel besser sehen können als die des Menschen, und weil sein Geruchssinn ganz unabhängig davon ist, ob es hell oder dunkel ist. Das Pferd findet das unterirdische Wasser ebenfalls durch die feine Nase und den Weg nach dem Ziele durch seinen Ortssinn. Ebenso ist das Pferd nicht deshalb sehr klug, weil es sich von einer Fata morgana, dem Spiegelbilde einer Oase, in der Wüste nicht täuschen läßt, wie es den Menschen passiert. Das Pferd als Nasentier traut seinen Augen überhaupt nicht, und für die Nase ist das Spiegelbild gleichgültig.

Führen wir noch weitere Fälle an, die hierhin gehören:

Ich nehme ein junges Kätzchen und setze es auf eine Tischplatte. Ich kann ganz unbesorgt sein – das erst einige Wochen alte Tier fällt nicht hinunter.