Obwohl der Hund nicht lesen kann, auch wegen seines schwachen Gesichts davon keinen Gebrauch machen könnte, findet er doch die Straße regelmäßig wieder, in der sein Herr wohnt. Auch über das Haus ist er sich gewöhnlich im klaren. Niemals sieht man ihn an einer Straßenecke stehen und sich überlegen, wohin er eigentlich laufen soll, wie es doch unser zweibeiniger Peter getan hat.
Besäßen die Tiere nicht einen hervorragenden Ortssinn, so wäre es ganz ausgeschlossen, daß man das völlige Erblinden von Hunden und Pferden manchmal erst durch einen Zufall merkt. Beim Menschen ist es unmöglich, daß man nicht seine Blindheit merken sollte. Es hat noch niemand aus Versehen einen Gehilfen in Stellung genommen, der, wie sich später herausstellte, blind war. Aber sehr häufig werden Pferde gekauft, die blind sind.
Bei einem unserer Hunde, der vollkommen blind war, habe ich immer wieder darüber staunen müssen, wie leicht er sich in den gewohnten Räumen zurechtfand. Da die Blindheit äußerlich kaum erkennbar war, so merkte kein Besucher sein Leiden, zumal er sich mit großer Geschwindigkeit bewegte.
Auch wir waren uns erst darüber klar geworden, daß er gänzlich blind war, als er eines Tages mit großer Wucht gegen ein Spind, das von seiner Stelle gerückt war, rannte. Da wir uns von dem Hunde nicht trennen wollten, zumal er noch nicht sehr alt war, so haben wir ihn noch etwa zwei Jahre in diesem Zustande behalten. Allerdings haben wir während dieser Zeit die Möbel an ihrer Stelle stehen lassen müssen, denn bei jeder Ortsveränderung rannte das Tier dagegen. Er wußte es ganz genau, daß die Treppe acht Stufen hatte, denn er lief sie fabelhaft rasch hinauf. Nur in der letzten Zeit seines Lebens hat er sich geirrt und sprang häufig, wenn er bereits oben war, nochmals in die Luft. Er glaubte also, es käme noch eine Stufe.
Es ist unzählige Male vorgekommen, daß neu gekaufte Hunde ausrücken und zu ihrem alten Herrn laufen. So kaufte ein Bekannter von mir, der am Melchiorplatz wohnte, von einem Freunde in Pankow einen jungen Dackel und fuhr mit dem Tiere in einem Stadtbahnzuge nach Hause. Ich habe den kleinen Burschen, der sehr ängstlich zu sein schien, mehrere Male gesehen. Nach einiger Zeit schien sich der Dachshund mit seiner neuen Herrschaft, sehr tierfreundlichen Personen, ausgesöhnt zu haben. Eines Tages war er dem Mädchen, das ihn auf dem Platze an der Leine führte, entwischt und konnte trotz allen Suchens nicht gefunden werden. Nach stundenlangen ergebnislosen Nachforschungen kam mein Bekannter auf den Gedanken, seinen Freund in Pankow von dem Verlust telephonisch in Kenntnis zu setzen. Wie erstaunte er aber, als er hörte, sein Freund wollte ihn soeben telephonisch benachrichtigen, daß der an ihn verkaufte Hund soeben in Pankow eingetroffen sei.
Der Hund war in Pankow geboren und niemals von der Besitzung fortgekommen. In Berlin war er nur an der Leine auf dem Platze spazieren geführt worden. Der Weg von Pankow nach Berlin war im Stadtbahnzuge zurückgelegt worden. Dieses junge, ängstliche Tier hatte also den Mut gehabt, durch das Straßengewirr der Großstadt den Weg nach der Heimat zu suchen. Was uns in Staunen versetzt, ist eben die Fähigkeit, ohne Kompaß und ohne Karte den richtigen Weg zu finden.
Auf den Ortssinn der Tiere kommen wir noch an anderen Stellen zu sprechen. Der Haß des Hundes gegen die Katze wird besser da erörtert werden, wenn wir uns mit unserer Mieze beschäftigen.
[10]. Das Apportieren (Herbringen von Gegenständen) des Hundes.
Peter ist, wie wir sahen, ein Freund vom Apportieren. Es ist allgemein bekannt, daß die meisten Hunde gern apportieren. Für den Jäger ist diese Eigenschaft von der größten Wichtigkeit. Was nützte es ihm, daß er eine Ente geschossen hat, die im Wasser umhertreibt, wenn sich nicht sein Hektor freudig in die Fluten stürzte und sie herbeibrächte?