Wir müssen vielmehr immer wieder unsere Ziegen mit solchen aus gebirgigen Ländern auffrischen, wo sie viel besser gedeihen, beispielsweise im Harz und in der Schweiz.

[113]. Wie erklärt sich die Giftfestigkeit der Ziege?

Wir haben also gesehen, daß die Besitzerin der Ziegenfamilie im Unrecht ist, wenn sie die Ziege schilt, weil sie so ungern das Gras unserer Ebene fressen will.

Damit soll nun nicht gesagt sein, daß wir demutsvoll allen angestammten Eigenarten der Ziegen nachkommen sollen. Davon kann keine Rede sein. Nur sollen wir uns von der Vorstellung freimachen, daß wir vor einer unverbesserlichen Sünderin stehen. Das ist nicht der Fall, da kein Tier seine angeborenen Triebe ablegen kann. Noch eine andere Eigentümlichkeit der Ziege erregt unseren Zorn. Sie ist nach unseren Begriffen lecker, weil sie bald dieses, bald jenes sich aus dem Futter herauszieht und am liebsten eine Menge an die Erde wirft, wo es natürlich zertreten wird.

Diese Art des Fressens ist ganz einleuchtend, wenn man sich die Lebensweise der Wildziegen vorstellt. Auf dem öden Gestein ist ein sehr geringer Pflanzenwuchs. Zum Sattwerden an einer einzigen Pflanzenart reicht es nicht aus. Deshalb muß die Ziege von dem wenigen, was das Gebirge hervorbringt, fressen, ganz gleich, was es ist. Hieraus erklärt sich auch die merkwürdige Erscheinung, daß die Ziege gewissermaßen giftfest ist. Sie frißt beispielsweise den giftigen Schierling körbeweise, ohne daß es ihr schadet. Auch frißt sie viele Dinge, die jedes andere Tier meidet, so den scharfen Mauerpfeffer, Zigarren und Schnupftabak und dergleichen.

Wenn eine Ziege also den Pfahl beknabbert, an dem sie angebunden ist und das Gras links liegen läßt, so ist das keine Niederträchtigkeit, sondern die ganz naturgemäße Art des Fressens. Ueppige Weiden behagen ihr nicht, wohl aber Sträucher und Baumzweige. Deshalb ist sie der Fluch für die Mittelmeerländer, weil sie durch ihr Beknabbern eine Bewaldung dieser Länder nicht aufkommen läßt. Sieht man einer freiweidenden Ziege zu, so wird man sich davon überzeugen können, daß sie von den am Boden wachsenden Pflanzen die Blätter bevorzugt und viel lieber als Gräser frißt. Das ist auch nach ihrer Herkunft nicht wunderbar.

[114]. Warum heißt die Ziege die Kuh des armen Mannes?

Wir sehen, daß hier eine Familie sich eine Ziege hält, obwohl sie nur einen ziemlich großen Garten besitzt. Diese Leute sind wahrscheinlich wohlhabend, möglicherweise sogar sehr reich. Bei ihnen würde also die Bezeichnung nicht zutreffen, daß die Ziege die Kuh des armen Mannes sei.

Großstädtische Verhältnisse sind eben nicht immer die naturgemäßen. Die Redensart bezieht sich auf die sonst in unserer Heimat üblichen Verhältnisse. Hiernach hat der arme Mann auf dem Lande bei seinem Häuschen einen Garten, aber er hat sonst kein Land, namentlich keine Wiesen, wie es für eine Kuh erforderlich ist. Mit dem, was ein Garten bringt, kann man eine Ziege ernähren, da fünf Ziegen zusammen nicht so viel fressen wie eine Durchschnittskuh. Außerdem muß die Ziege bei armen Leuten vieles fressen, was man ihr sonst nicht vorsetzt, z. B. Abfälle, Spülicht usw. Der arme Mann möchte selbstverständlich auch gern frische Milch genießen, und da er sich, wie wir sahen, keine Kuh halten kann, so nimmt er eine Ziege, woher sich die Redensart erklärt.

Eine gute Milchziege liefert wöchentlich 10 bis 12 Liter Milch. Sie hat den Nachteil, daß viele Menschen sie nicht mögen. Auch läßt sich aus Kuhmilch viel bessere Butter und leichter Käse machen. Auch schmeckt saure Kuhmilch viel besser. Da außerdem Rindfleisch viel schmackhafter als Ziegenfleisch ist, so wird die Kuh durch die Ziege nicht verdrängt werden.