[115]. Wie lebt die Ziege im Gebirge?
Von der Lebensweise der eigentlichen Stammeltern unserer Hausziege wissen wir recht wenig. Wir wollen daher als Ersatz die Schweizer Ziegen wählen, deren Lebensweise ein dort heimischer Naturforscher vortrefflich geschildert hat.
Die Ziegenböcke des Gebirges haben mitunter so außerordentlich große Hörner, daß sie von weitem Steinböcken ähnlich sehen. Sie zeichnen sich besonders durch ihren kecken, mutwilligen Humor aus. Es liegt etwas Ernstes in der Haltung ihres Kopfschmuckes, aber sie haben ein schalkhaftes Auge und zeigen, wenn es ans Naschen oder ans Spielen und Stoßen geht, ihre ganze Leichtfertigkeit. Das Schaf hat nur in seiner Jugend ein munteres Wesen, ebenso der Steinbock; die Ziege behält es länger als beide. Ohne eigentlich im Ernste händelsüchtig zu sein, fordert sie gern zum munteren Zweikampfe heraus.
Neugierde ist überhaupt neben der Launenhaftigkeit ein hervorstechender Wesenszug der Ziege. Sie ist in weit höherem Grade neugierig als die Kuh; die Gemse ist ihr darin ähnlich. Zu den Gemsen verliert sich hier und da eine Alpenziege und bleibt monatelang in der Gesellschaft. Doch muß es ihr sauer werden, diesen Meistern im Springen und Klettern nachzukommen, und gewöhnlich kehrt sie im Herbst unvermutet ins Tal zu ihrer Hütte zurück. Im Appenzellerlande überwinterten schon verloren geglaubte Ziegen in geschützten Alpen unter großen Tannen bald allein, bald mit Gemsen, und kehrten im Frühling mit frischgeworfenen Zicklein ins Tal zurück.
Ueberhaupt ist unsere Ziege eines der muntersten und aufgewecktesten unter den zahmen Tieren, wie schon ihr Auge, ihr feiner Kopf, ihre schlanke, leichte Körperbildung und ihr großes Gehirn auf eine kluge Natur schließen läßt. Sie ist weit empfänglicher für die Liebkosungen des Menschen als das Schaf, folgt nicht, wie dieses, dem Gang der Masse, sondern tritt gern frei und selbständig auf, liebt Berge und Freiheit, fürchtet sich nicht so schnell, ist im Zorne ziemlich hartnäckig, hat viel Gedächtnis und Ortssinn und würde vielleicht bei völliger Freiheit nach wenigen Generationen an Lebhaftigkeit, Kühnheit und ausgebildetem Instinkt der Gemse wenig nachstehen. Dies gilt namentlich von den gehörnten Ziegen, die in den Gebirgen weit häufiger sind als die ungehörnten, die dafür im Tale in den Ställen vorgezogen werden. Um solche hornlose Ziegen zu erhalten, bedient man sich hie und da eines höchst gefährlichen Mittels. Man gräbt nämlich Zicklein, sobald die Hörnchen hervorbrechen wollen, diese samt der Wurzel aus dem Schädel.
Der die Gebirge durchstreifende Wanderer trifft häufig Ziegengruppen als malerische Zutat einer einsamen Alpengegend, bald frei weidend, bald unter Obhut eines wetterbraunen, barfüßigen Jungen. Sie sind selten scheu, gewöhnlich ganz zutraulich und munter. In manchen Schweizerbergen folgen sie dem Fremden stundenweit, um ein paar Fingerspitzen Salz oder ein Stück Brot zu erbetteln. Erhalten sie kein Salz, so genießen sie mit ebenso großem Behagen eine Portion Schnupftabak. Gewöhnlich sind ein halb Dutzend Stück einer Ochsen- oder Pferdeherde beigegeben, und ihre Milch ist fast die einzige Nahrung der Hüter; oft finden sich einige Stücke im Gefolge einer Kuhherde, oder sie werden auch zu Herden vereinigt und zur Alp getrieben. In diesem Falle teilt man sie im Appenzellerlande in Haufen von je 12 Stück ab; ärmere Bauern, die keinen ganzen Haufen vermögen, stoßen ihre Ziegen zusammen und halten gemeinschaftlich einen Geißbuben, der nebst magerer Kost noch geringere Löhnung erhält.
Mit großer Kühnheit schweifen diese Tiere in den steilsten Gebirgsbänken umher, um vereinzelte Grasbüschel oder zarte, leckere Stäudchen zu rupfen. Dabei geschieht es nicht selten, daß sich die Ziege »verstellt«, wo sie sich weder vor- noch rückwärts mehr getraut. So bleibt sie dann oft zwei bis drei Tage ohne Nahrung zwischen Tod und Leben, bis der Geißbub sie entdeckt und zu »lösen« sucht. Dies tut er mit wunderbarer Verwegenheit; manchmal bindet er sie an ein Seil, um sie die Felswand hinaufzuziehen. Es ist in der Tat merkwürdig, daß der Mensch sich da zu klettern getraut, wo selbst die leichtfüßige Ziege den Mut verloren hat. Freilich sind die Geißbuben, die den ganzen Sommer über zwischen den Felsen leben, großartige Künstler im verwegensten Klettern und kennen die Gefahr so wenig, daß sie sich mitunter anbieten, die jähsten Felsenköpfe und Gebirgsseiten durch beliebig zu bezeichnende Narben und Falten zu erklimmen, wo man nicht begreift, wie eine Hand oder ein Fuß im steilen Absturz haften kann. Selten fallen die Ziegen tot, es sei denn, daß sie sich im Hörnerkampfe über den Felsenrand hinausstoßen oder von einem fallenden Steine, einer Lawine oder dem Flügel des Lämmergeiers ergriffen werden.
Bekanntlich sind die Ziegenherden durch ihre Naschhaftigkeit die gefährlichsten Feinde und eine wahre Geisel der Gebirgswaldungen geworden; aber allmählich wird diesem schädlichen Unwesen durch bessere Forstpolizei und Einschränkung des Ziegenstandes entgegengewirkt. Im ganzen zieht die Ziege ein mageres, halbsaures Futter mit grünen Knospen und Zweigen dem fetten Wiesengrase vor. Merkwürdig ist die Beobachtung, daß die giftige Wolfsmilch und der Schierling von ihr mit Begierde und ohne Nachteil gefressen wird. Dagegen sollen ihr Eicheln nachteilig sein. Die Ziegenmilch wird im August, wo die Tiere die höchsten Alpen besteigen, für am kräftigsten gehalten. Der größte Teil wird zu fünf- bis zehnpfündigen Käsen verarbeitet, die von vorzüglichem Wohlgeschmack sind.