Wir wollen jetzt nach einem Vorort gehen, wo ein alter Bekannter, Herr Althaus, Ziegen hält. Wegen seiner Gemütlichkeit und Gefälligkeit wird er allgemein »Onkel Althaus« genannt. Wir treffen es gut bei Onkel Althaus, denn es wird gerade ein Böckchen abgeholt, das er vor einigen Tagen verkauft hatte. Das Ziegenböckchen ist ungewöhnlich stark, was auch weiter kein Wunder ist, da es allein die ganze Milch der Mutter getrunken hatte. In dieser milcharmen Zeit muß aber jeder zunächst an sich selbst denken. Onkel Althaus hat ein Söhnchen von neun Jahren, das die Milch sehr nötig braucht und dessentwegen er gerade die Ziege angeschafft hat. Es ist selbstverständlich, daß erst der Mensch und dann das Tier kommt.

Wir befürchteten, daß die Trennung von Mutter und Sohn zu endlosem Jammern der Alten führen würde, wie es bei der Kuh üblich ist, wenn ihr das Kalb genommen wird. Nichts von alledem geschah – kein einziges Mäh kam über die Lippen der Alten. Ich glaube aber, daß es falsch ist, wenn man hieraus auf eine Gefühllosigkeit der Ziegenmutter schließt. Onkel Althaus hatte wohl recht mit der Annahme, daß die alte Hippe, wie die Ziege auch sonst genannt wird, bestimmt glaube, das Junge werde wiederkommen. Er erzählte uns, und sein Söhnchen Albrecht bestätigte es, daß der kleine Bock schon oft Ausflüge auf eigene Faust unternommen hatte.

Es fällt uns auf, daß im Ziegenstall, in dem noch andere Ziegen stehen, die aber zurzeit keine Milch geben, so wenig Fliegen sind. Im Kuhstall wimmelt es von Fliegen, wie jeder weiß, der an einem warmen Sommertage einen Kuhstall betreten hat. Wie erklärt sich dieser Unterschied?

Aus der früheren Schilderung der Alpenkühe wissen wir, daß es im Hochgebirge sehr wenig Insekten gibt. Die Ziege ist ein Kind des Hochgebirges. Die Fliegen und andere Insekten der Ebene kennen also Ziegen von früher her nicht. Dagegen sind ihnen Kühe als Geschöpfe sumpfiger Gegenden sehr wohl bekannt. Wer da glaubt, daß es einer Fliege oder einem anderen Insekt ganz gleichgültig ist, von welchem Tiere sie das Blut ziehen, der dürfte im Irrtum sein. Auch der Esel leidet als früheres Gebirgstier viel weniger unter der Insektenplage als das aus der Steppe stammende Pferd.

Wir sehen ähnliches bei unseren Kleidern. Die Motten bevorzugen ganz auffallend reinwollene Sachen, während sie künstliche Wolle oder Baumwolle meiden, mag sie auch noch so sehr das Auge des Menschen täuschen.

Es ist möglich, daß der Gestank des Ziegenbockes, der uns so unangenehm ist, auch die Fliegen vertreibt. Aber in unserem Falle kann er nicht in Betracht kommen. Denn Onkel Althaus besitzt keinen eigenen Bock, und das Böckchen ist noch so jung, daß es noch keinen Geruch entwickelt.

[117]. Die Rassen der Ziege.

Die Ziege, die zu den paarzehigen wiederkäuenden Huftieren und der Familie der Horntiere gehört, hat keine Tränengruben und Klauendrüsen. Sie trägt ihren kurzen Schwanz gewöhnlich steil gestellt. Berühmt sind die Angora- und Kaschmirziegen. Bei uns werden die Schwarzwaldziege, die Harzer Ziege, die Erzgebirgsziege usw. gehalten. Sehr gelobt wird die Langensalzaer Ziege. Sie gleicht der Schweizer Saanenziege, die bei uns viel eingeführt worden ist. Die Saanenziege ist sehr groß, schneeweiß und ohne Hörner. Sie soll 5 bis 6 Liter Milch den Tag über geben, aber bei uns hat sie es nicht getan. Jedenfalls fehlen ihr die würzigen Gebirgskräuter, von denen wir bereits gesprochen haben.

Die Ziege ist mit einem Jahre ausgewachsen. Es soll noch gute Milcherinnen geben, die 16 Jahre alt sind. Die Tragezeit dauert etwa fünf Monate. Gewöhnlich werden ein oder zwei, manchmal sogar vier Junge geworfen.

Von Krankheiten ist die Ziege weit mehr verschont als die Kuh. Namentlich leidet sie nicht an Tuberkulose. Es gilt im Gegenteil ihre Milch als besonders heilkräftig für Lungenkranke. Die Ziege hat also eiserne Lungen von ihren Vorfahren geerbt, da sie bei uns oft in ganz elenden Ställen gehalten wird.