Das Pferd schweigt, wenn es den Todesstich erhält. Er wird deswegen von Dichtern als edles Tier gefeiert, obwohl das damit nicht das mindeste zu tun hat. Das Schaf, das ebenfalls schweigend stirbt, wird dagegen von den Dichtern nicht gefeiert. Es wird überall verschieden gemessen.

Schießt der Jäger auf eine wildernde Katze, so faucht sie höchstens, schießt er auf einen wildernden Hund, so heult er. Alle Tiere, die sich beistehen, geben bei schweren Verwundungen Schmerzensschreie von sich (vgl. Kap. [58]). Da Katzen, Pferde, Ziegen, Schafe usw. sich nicht beistehen, so sterben sie lautlos. Der einzeln lebende Keiler erhält stumm die Todeswunde, dagegen schreien die einzelnen Mitglieder eines Wildschweinrudels, weil sie sich gegenseitig beistehen.

[123]. Geschichten von Schafen.

Nicht die Dummheit der Schafe bereitet uns Menschen soviel Aerger, sondern die aus früheren Zeiten vererbten Eigentümlichkeiten. Sachlich ist das natürlich kein großer Unterschied. Es lehrt uns aber, milder über ein Tier zu denken.

Ueber die Not, die Schafe und Hirten in Süd-Rußland bei Schneestürmen erleiden, teilte ein alter Hirt einem deutschen Reisenden folgende Tatsache mit: »Wir weideten in der Steppe von Otschakow, unser sieben, an 2000 Schafe und 150 Ziegen. Es war gerade zum erstenmal, daß wir austrieben, im März. Das Wetter war freundlich und es gab schon frisches Gras. Gegen Abend aber fing es an zu regnen, und es erhob sich ein kalter Wind. Bald verwandelte sich der Regen in Schnee, es wurde kälter, unsere Kleider starrten, und einige Stunden nach Sonnenuntergang stürmte und brauste der Wind aus Nordosten, so daß uns Hören und Sehen verging. Wir befanden uns nur in geringer Entfernung von Stall und Wohnung und versuchten es, die Behausung zu erreichen. Der Wind hatte indessen die Schafe bereits in Bewegung gesetzt und trieb sie immer mehr von der Wohnung ab. Wir wollten nun die Geißböcke, denen die Herde zu folgen gewohnt ist, zum Wenden bringen, aber so mutig dieses Tier bei allen anderen Ereignissen ist, so sehr fürchtet es die kalten Stürme. Wir rannten auf und ab, schlugen und trieben zurück und stemmten uns gegen Sturm und Herde, aber die Schafe drängten und drückten aufeinander und der Knäuel wälzte sich unaufhaltsam die ganze Nacht weiter und weiter fort. Als der Morgen kam, sahen wir nichts als rund um uns her lauter Schnee und finstere Sturmwüste. Am Tage blies der Sturm nicht minder wütend, und die Herde ging fast noch rascher vorwärts als in der Nacht, wo sie von der dicken Finsternis noch mitunter gehemmt ward. Wir überließen uns nun unserem Schicksal, es ging im Geschwindschritt fort, wir selber voran, das Schafgetrappel blökend und schreiend, die Ochsen mit dem Proviantwagen im Trabe und die Rotte unserer Hunde heulend hinterdrein. Die Ziegen verschwanden uns noch an diesem Tage, überall war unser Weg mit dem tot zurückbleibenden Vieh bestreut. Gegen Abend ging es etwas gemacher, denn die Schafe wurden vom Hungern und Laufen matter. Allein leider sanken auch zugleich uns die Kräfte. Zwei von uns erklärten sich krank und verkrochen sich im Vorratswagen unter den Pelzen. Es wurde Nacht, und wir entdeckten noch immer nirgends ein rettendes Gehöft oder Dorf. In dieser Nacht ging es uns noch schlimmer als in der vorigen, und da wir wußten, daß der Sturm uns gerade auf die schroffe Küste des Meeres zutrieb, so erwarteten wir alle Augenblicke, mitsamt unserem dummen Vieh ins Meer hinabzustürzen. Es erkrankte noch einer von unseren Leuten. Als es Tag wurde, sahen wir einige Häuser uns zur Seite aus dem Schneenebel hervorblicken. Allein obgleich sie uns ganz nahe waren, höchstens 30 Schritte vom äußersten Flügel unserer Herde, so kehrten sich doch unsere dummen Tiere an gar nichts und hielten immer den ihnen vom Winde vorgezeichneten Strich. Mit den Schafen ringend verloren wir endlich selber die Gelegenheit, zu den Häusern zu gelangen; so ganz waren wir in der Gewalt des wütenden Sturmes. Wir sahen die Häuser verschwinden und wären, so nahe der Rettung, doch noch verloren gewesen, wenn nicht das Geheul unserer Hunde die Leute aufmerksam gemacht hätte. Es waren deutsche Kolonisten, und der, welcher unsere Not zuerst entdeckte, schlug sogleich bei seinen Nachbarn und Knechten Alarm. Diese warfen sich nun, 15 Mann an der Zahl, mit frischer Gewalt unseren Schafen entgegen und zogen und schleppten sie, uns und unsere Kranken allmählich in ihre Häuser und Höfe. Unterwegs waren uns alle Ziegen und 500 Schafe verlorengegangen. Aber in dem Gehöfte gingen uns auch noch viele zugrunde, denn sowie die Tiere den Schutz gewahrten, den ihnen die Häuser und Strohhaufen gewährten, krochen sie mit wahnsinniger Wut zusammen, drängten, drückten und klebten sich in erstickenden Haufen aneinander, als wenn der Sturmteufel noch hinter ihnen säße. Wir selber dankten Gott und den guten Deutschen für unsere Rettung; denn kaum eine halbe Viertelstunde hinter dem gastfreundlichen Hause ging es 20 Klaftern tief zum Meere hinab.«

[124]. Warum braucht der Schäfer einen Hund?

Weil die Schafe vom Gebirge in die Ebene gebracht worden sind, die ihnen gar nicht naturgemäß ist, und in der sie sich wie sinnlos benehmen, deshalb ist ein schnellfüßiger Gehilfe für den Schäfer eine Notwendigkeit.

Der Hund ist dazu wie geschaffen, weil er, wie wir wissen, von Vorfahren stammt, denen das Umkreisen der Pflanzenfresser etwas Geläufiges war.

Es gibt zahlreiche, gut verbürgte Geschichten, wonach Schäferhunde unersetzliche Dienste geleistet haben. Folgende scheint mir der Anführung wert zu sein, da sie von einem ganz unparteiischen Eisenbahnbeamten bestätigt worden ist. Der Schäfer hatte über den Durst getrunken und schlief ganz fest. Die Herde ging heimwärts und kam dabei an das Bahngleise. In diesem Augenblick brauste der Schnellzug heran. Der Bahnwärter glaubte, daß wenigstens die halbe Herde zermalmt werden würde. Doch der Schäferhund lief eiligst zum Gleise und duldete nicht, daß ein Schaf sich ihm näherte. Erst dann führte er die Herde über das Gleis zum heimischen Stall.

[125]. Mufflon und Hausschaf. Neue Futterquellen für unsere Hausschafe.