[11]. Die Bedeutung des Geruchssinnes. Der Eigentumssinn der Hunde.
Die Behauptung, daß ein Hund seiner Nase mehr traut als seinen Augen, wird am überzeugendsten dadurch bewiesen, daß sich zwei Hunde, die sich begegnen, gegenseitig beriechen. So hat es auch Peter mit seinem Artgenossen getan. Würde der Hund ein scharfes Auge besitzen, so wäre dieses Beriechen ganz zwecklos. Der Mensch, der sich in erster Linie nach den Augen richtet, also ein Augentier wie die Affen und die Vögel ist, richtet sich erst dann nach dem Geruch, wenn seine Augen ihn im Stich lassen. Weiß ich beispielsweise nicht, ob eine Flasche, die mit einer hellen Flüssigkeit gefüllt ist, Essig oder Petroleum oder Spiritus enthält, so rieche ich daran. Mit den Augen allein kann ich das nicht entscheiden. So sehen wir, daß in der Apotheke der Provisor alle Augenblicke an den Flaschen riecht, weil hier nur die Nase Bescheid geben kann, woraus der Inhalt besteht. Auch für den Koch und den Parfümhändler ist es sehr wichtig, eine gute Nase zu haben.
Wir sagen gewöhnlich, daß der Geruch zu den niederen Sinnen gehöre. Ganz richtig dürfte das nicht sein. Wer seine Wohnung betritt, ohne zu riechen, daß der Gashahn aus Versehen geöffnet geblieben ist, kann leicht ums Leben kommen. Ebenso sitzt unsere Nase deshalb oberhalb des Mundes, damit wir die Speisen, die wir zu uns nehmen, vorher durch den Geruch prüfen. Viele Menschen sind schon deshalb erkrankt, weil sie verdorbene Speisen genossen haben. Hätten sie vorher ihre Nase gebraucht, so wären sie vor diesem Schaden bewahrt geblieben.
Naturvölker und Jäger werden ganz entschieden bestreiten, daß der Geruch zu den niederen Sinnen gehöre. Sie erleben jeden Tag, welche Bedeutung der Geruchsinn ihres Hundes für sie hat. Der Jäger will Enten schießen. Ob welche im Schilfe des Sees stecken, können wir mit unsern Augen nicht feststellen. Aber der Hund mit seiner Nase kann es sofort. Ebenso zeigt er uns, ob ein Fuchs- oder Dachsbau bewohnt ist oder nicht, wo die Hühner im Kartoffelkraut stecken, wohin der Hase, der Hirsch, das Reh geflüchtet ist.
Hat sich der Hase mit seinem braunen Fell auf dem Acker in einer Sasse, d. h. ausgehöhlten Stelle geduckt, was er mit Vorliebe tut, so ist er für unsere Augen unsichtbar. Wir sagen dann, er sei durch seine »Schutzfarbe« gerettet. Denn da die Färbung seines Leibes mit seiner Umgebung verschwimmt, so ist er durch die Farbe geschützt. Für den Hund gibt es keine Schutzfarbe. Mag der Hase noch so ähnlich wie seine Umgebung aussehen, so hat er doch eine andere Ausdünstung. Und diese Ausdünstung wird von der feinen Nase des Hundes wahrgenommen, und Freund Hase ist entdeckt.
So würde ein Hund nie unsere Märchen verstehen, wonach Kinder im Walde ausgesetzt werden und nicht wieder nach Hause finden. Wollte ihn jemand aussetzen, so würde er einfach die Nase auf die Erde setzen und denselben Weg zurücklaufen.
So ließe sich noch vieles anführen, woraus hervorgeht, daß der Geruch ein ungeheuer wichtiger Sinn ist. Vorläufig wollen wir es genug sein lassen. Wir werden nochmals darauf zurückkommen, wenn wir von den Polizeihunden und ihren Leistungen sprechen.
Peter hat, wie wir sahen, bei dem Terrier, mit dem er sich beroch, geknurrt und die Zähne gezeigt. Vor der großen Dogge dagegen ist er mit eingeklemmtem Schwanz geflüchtet.
Es würden sich noch vielmehr Menschen Hunde halten, wenn nicht die gegenseitige Beißerei üblich wäre. Und zwar kann man beobachten, daß die gleichen Geschlechter am meisten zum Beißen geneigt sind. Ein männlicher Hund oder Rüde wird gern mit einem andern Rüden kämpfen, aber einer Hündin wird er nichts tun, vielmehr sich bei ihr einzuschmeicheln suchen.