So wenig wir von der Lebensweise des Bankivahuhns wissen, das eine können wir mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß es schwerlich so oft in dunkler Nacht krähen wird.

Als Beweis können wir das Benehmen unserer Sperlinge anführen. In früheren Jahren, als die pferdelose Straßenbahn noch nicht fuhr, gab es viel mehr Sperlinge in Berlin. Auf dem Belle-Alliance-Platz hielten sie auf den Platanen, ehe die Nacht einbrach, ordentliche Parlamente ab. Ehe sie morgens das warme Nest verließen, hielten sie stets eine kleine Morgensprache ab. Hörte ich das erste Schilpen der Sperlinge und ging ans Fenster, so war stets eine gewisse Helligkeit vorhanden.

Der Grund hierfür ist ganz einleuchtend. Das Benehmen eines freilebenden Tieres wird durch seine Feinde bestimmt. Für die Sperlinge sind die Hauptfeinde in der Nacht die kleinen Eulen und das kleine Wiesel. Sie schilpen also erst, wenn es bereits so hell ist, daß sie vor einem Feinde rechtzeitig flüchten können. In der Nacht denken sie nicht daran, zu schilpen. Sie würden nur ihre Feinde auf ihr Versteck aufmerksam machen, und könnten in der Dunkelheit nicht flüchten.

Man kann wohl ohne Uebertreibung behaupten, daß in Berlin eine Gefahr für die Sperlinge zur Nachtzeit kaum besteht. Die Nester werden gewöhnlich so angelegt, daß bei vierstöckigen Gebäuden selbst ein kletterfertiger Knabe schwerlich zu ihnen gelangt. Wiesel gibt es innerhalb des Weichbildes des alten Berlins kaum, und sie können bei unsern hohen Gebäuden den Sperling auch nicht schädigen. Auch Eulen sind so selten, daß sie kaum in Betracht kommen.

Der Bankivahahn in Indien wird also auch erst ordentlich krähen, sobald es so hell geworden ist, daß er vor einem Feind flüchten kann. In der Nacht haben verschiedene Räuber Sehnsucht nach einem Hühnerbraten. Der Bankivahahn hat also hinreichenden Grund, den Schnabel zu halten.

Bei uns werden Auerhahn und Birkhahn, die ebenfalls in der Nacht auf Bäumen schlafen, vom Marder und Uhu verfolgt. In Indien kommen als Feinde der Vögel noch die Nachtaffen hinzu, die geräuschlos wie Gespenster den schlafenden Vögeln den Hals umdrehen.

Unsere Auerhähne und Birkhähne balzen, d. h. tanzen wie die Verrückten, wenn der Frühling kommt und ihre Herzen mit Liebessehnsucht erfüllt. Dann sind sie manchmal wie blind und taub, wodurch sie dem Jäger Gelegenheit zu ihrer Erlegung bieten. Die übrige Zeit hindurch sind sie sehr scheu und lautlos.

Der Bankivahahn wird es ebenso machen. Er wird hauptsächlich im Frühjahr krähen, um den Hennen zu zeigen, wo er sitzt, und den andern Hähnen die Mitteilung zu machen, daß er zu einem Kampfe mit ihnen bereit ist.

Das Krähen des Hahnes ist also wie das Bellen des Hundes erst zur Entwicklung gelangt, seitdem das vordem wilde Tier Haustier wurde. Es hat vor seinen Feinden keine Furcht mehr im sichern Hühnerstall. Die gute Fütterung sorgt dafür, daß die Frühlingsstimmung anhält. So erklärt sich das häufige Krähen, namentlich in der dunklen Nacht.