Das Huhn
[141]. Warum kräht der Hahn?
Um uns Hühner anzusehen, brauchen wir nicht erst nach einem Vorort zu wandern. Vielleicht hat es niemals so viel Hühner in Berlin gegeben, wie gerade jetzt. Wenn man früh morgens die Fenster öffnet, dann kräht es aus verschiedenen Kellern.
Da ist beispielsweise ein Kohlenplatz in der Nähe, auf dem Hühner gehalten werden. Der Hahn waltet stolz seines Amtes als Herrscher und Wächter, während die unscheinbaren Hennen anscheinend nur an die Füllung ihres Magens denken. Bisher hat man es für ganz selbstverständlich angenommen, daß der Hahn ein stolzes, kampflustiges Geschöpf ist. Das ganze Benehmen stimmt fast in allen Einzelheiten mit dem eines stolzen Menschen überein. Vorsichtig setzt er seine Füße, als ob er ganz von der Wichtigkeit seiner Persönlichkeit durchdrungen ist. Scharf schauen seine Augen umher, ob er irgendwie einen Verstoß gegen seine Herrenrechte oder etwas Gefährliches entdeckt. Dann kräht er zur Abwechselung wieder einmal und schlägt dabei mit den Flügeln, als wenn er sagen wollte: »Hier ist der Mittelpunkt der Erde, weil ich hier stehe – zweifelt irgend jemand daran?«
Warum kräht der Hahn? Die Sache ist ähnlich wie bei dem Bellen des Hundes. Eine Fähigkeit, die beim wilden Tiere bestand, hat sich außerordentlich entwickelt, nachdem das Tier ein Haustier geworden ist.
Schläft man auf dem Lande, so kann man in tiefer Nacht häufig Hähnekonzerte hören und vom menschlichen Standpunkt aus folgendermaßen schildern. Ein Hahn ist aufgewacht, und da er der Meinung ist, daß es ganz zweckmäßig wäre, wenn er einmal krähte, so kräht er eben. Rücksicht auf die Hennen und deren Schlaf nimmt er nicht. Ein anderer Hahn ist von dem Krähen aufgewacht und sagt sich: »Es könnte sein, daß die Welt denkt, es gäbe nur den Hahn von Lehmanns. Das geht nicht. Deshalb werde ich auch einmal krähen.« Denkts und kräht ebenfalls. So geht die Runde durch die Häuser des Dorfes. Der erste Kräher läßt es aber mit dem einen Male nicht bewenden, und die andern ebenfalls nicht. So geht das Konzert eine ganze Weile. Das größte Wunder ist eigentlich, daß es schließlich doch verstummt. Die Müdigkeit trägt schließlich den Sieg davon über den Wunsch: Mein Feind darf nicht das letzte Wort haben.
Wir halten also den Hahn für stolz und eingebildet. Ob wir unbedingt recht haben, läßt sich nicht so leicht sagen, weil wir Menschen eben stets unsere menschlichen Verhältnisse als Maßstab nehmen. Für die Richtigkeit unserer Ansicht spricht, daß man den Hahn demütigen kann. So soll er nach den Angaben eines vortrefflichen Naturforschers ganz kleinlaut werden, wenn man ihm die Schmuckfedern abschneidet.
Heute kennen wir auch die Stammeltern unserer Haushühner. Es ist das Bankivahuhn, Gallus gallus, das im warmen Indien lebt. In der Nacht schläft es auf Bäumen. Unsere Hühnerleiter ist weiter nichts als eine Nachahmung der Zweige, die es in seiner Heimat zur Nachtzeit als Ruhestätte benutzt.