Früher waren die Gewässer zu sehr besetzt, und das hatte allerlei Unzuträglichkeiten im Gefolge. Jede Ente braucht für ihre Nachkommenschaft einen gewissen Raum. So gab es also um die Brutplätze erbitterte Kämpfe zwischen den einzelnen Entenpaaren. Hatten die Besitzer eines Brutplatzes glücklich ein andringendes Paar abgekämpft, so dauerte es nicht lange, und sie mußten sich gegen neue Eindringlinge wehren.

Das Jagen der Erpel hinter den Enten nahm gar kein Ende. Durch die viel zu starke Besetzung der Gewässer litt auch das Familienleben der Enten sehr erheblich.

Das ist mit einem Schlage durch den Weltkrieg und den Mangel an Lebensmitteln anders geworden. Die Wildenten lebten im Tiergarten nicht wie ihre Artgenossen in der Freiheit von dem, was das Wasser bot, sondern hauptsächlich von dem, was das Publikum ihnen spendete. Das war in vergangenen Jahren sehr reichlich, und deshalb konnten sich zahllose Wildenten als Bettler durchschlagen. Jetzt ist aber die Fütterung durch die Spaziergänger gleich Null geworden. Die Gewässer sind jedoch zu nahrungsarm, um soviel Wildenten zu ernähren. Folglich wurden die Wildenten zum größten Teil gezwungen auszuwandern und anderswo ihr Heil zu versuchen.

Es ist nicht Zufall, daß die Mutterente gerade den Goldfischteich als Aufenthaltsort gewählt hat. Hier gibt es ohne Frage den meisten Fischlaich, und Fischlaich ist für die Ente ein sehr begehrtes Futter.

[169]. Warum hat die von uns beobachtete Wildente nur drei Junge?

Gewöhnlich legen Stockenten 8 bis 16 Eier, so daß also zwölf Junge als Durchschnittszahl angegeben werden können. Es ist also anzunehmen, daß neun oder wenigstens fünf junge Entchen verlorengegangen sind.

Die Gründe für diese Verluste können mancherlei Art sein. Manche Wildenten brüten ausnahmsweise auf Bäumen. Es ist wunderbar, daß die kleinen Entchen vom hohen Nest auf die Erde purzeln können, ohne großen Schaden zu nehmen. Die Alte lockt die Jungen, nachdem sie ausgebrütet und trocken geworden sind, zu dem kühnen Sprunge in die Tiefe. Dann wandert sie mit der kleinen Gesellschaft nach dem von ihr in Aussicht genommenen Gewässer. Schwächlinge, die den waghalsigen Sprung nicht unternehmen, bleiben im Neste und verhungern elendiglich.

Der Marsch nach dem Gewässer ist natürlich von tausend Gefahren bedroht. Jeder Hund wäre imstande, die ganze kleine Gesellschaft abzuwürgen. Zum Glück ist der Tiergarten ziemlich raubtierleer, doch gibt es immerhin noch Feinde in genügender Anzahl.

Sind die Entlein erst auf dem Wasser, so ist die schwerste Gefahr beseitigt. Denn bekanntlich können junge Entlein sofort ausgezeichnet schwimmen. Ja, sie können noch mehr, wie ich einmal beobachtete. Da war auf einem See ein Schwanenpaar, dem eine Wildente mit ihren Jungen sehr verhaßt war. Der männliche Schwan hatte schon mehrfach den kleinen Kerlen etwas auszuwischen gesucht, jedoch bisher stets vergeblich. Endlich war es ihm geglückt, sie beinahe in eine Bucht hineinzutreiben. Es war klar, daß er Böses im Schilde führte. Ich hielt die kleinen Entlein schon für verloren, da erhoben sie sich plötzlich wie auf Kommando und liefen äußerst schnell auf dem Wasser dahin. Dadurch entgingen sie der Einschließung durch den Schwan.

Uebrigens glaube ich, daß im letzten Augenblick die Mutterente den Schwan angegriffen hätte. Zwar ist es ein aussichtsloses Unternehmen, als kleine Wildente dem großen Schwan etwas anzutun. Aber sie hätte ihn immerhin bestürzt machen können, und die Kleinen hätten unterdessen einen Ausweg gefunden.