So unbeschreiblich rührend die Mutterliebe einer Wildente ist, so will es uns weniger gefallen, daß sie ihre eigenen Kleinen tötet, sobald sie sich in ein fremdes Schof, wie man Mutterente mit Jungen nennt, verirren. Das ist verschiedentlich beobachtet worden. Wir wissen nicht, woran sich die jungen Entlein erkennen. Wohl aber ist es bekannt, daß junge Entlein vom zweiten Tage ab ihre Geschwister von anderen jungen Entchen unterscheiden.
Ebenso töten die Mutterenten gern die Jungen einer anderen Ente oder verfolgen sie wenigstens aufs heftigste. Bei Glucken, die Küchlein bei sich führen, können wir das gleiche oft genug beobachten.
Der Grund für dieses uns seltsam anmutende Benehmen kann natürlich nur in der Magenfrage gefunden werden. Ein bestimmter Raum gibt nur für eine bestimmte Anzahl von einer gewissen Tierart Nahrung. Fremde Wettbewerber müssen demnach vertrieben oder getötet werden. Der Angriff auf die fremden Jungen ist demnach in gewissem Sinne ein Ausfluß der alles beherrschenden Mutterliebe. Die eigenen Kleinen sollen nicht darunter leiden, daß ihnen fremde die Nahrung beeinträchtigen.
[170]. Die Feinde der Ente.
Wir sehen, daß die eigene Verwandtschaft zu den schlimmsten Feinden bei der Ente gehört. Sehr viele Opfer kann auch das Wetter fordern. Wenn die jungen Entchen im Frühjahr ausgebrütet worden sind, dann kommen oft genug kalte Tage. In der Kälte aber gibt es keine Insekten, nach denen sie mit Vorliebe haschen. Ueberhaupt ist an kalten Tagen das Wasser nahrungsärmer.
Unter natürlichen Verhältnissen machen zahlreiche Raubtiere auf die armen Enten Jagd. Der Seeadler lebt vielfach von Enten, ebenso lieben Habicht und Wanderfalk einen Entenbraten. Gern stellt ihnen auch der Fuchs nach, ebenso auch andere Raubtiere. Ihre Eier werden von den Krähen ausgetrunken. Trifft ein Storch oder ein Reiher mit einer Mutterente zusammen, die ihre Jungen führt, so läßt er alle in seinem Magen verschwinden, falls sie ihm nicht entwischen.
Im Tiergarten kommen von allen diesen Feinden gewöhnlich nur die Wanderratte, die der Berliner Wasserratte nennt, in Betracht. Diese ersäuft die Jungen, indem sie die Entlein von unten packt und in die Tiefe zieht.
Die arme Mutterente muß also Tag und Nacht auf ihrer Hut sein. Während beim Schwan und der Wildgans das Männchen ein besorgter Vater ist, kümmert sich der Enterich gar nicht um seine Nachkommenschaft. Er trifft sich mit den andern Wilderpeln zusammen und scheint sich prächtig mit ihnen zu vergnügen.
Nach unsern Begriffen ist er ein ganz gewissenloser Kerl. Es muß immer wieder hervorgehoben werden, daß man menschliche Vorstellungen nicht ohne weiteres auf tierische Verhältnisse übertragen darf.
Um die Wildenten vor ihrer Ausrottung zu bewahren, ist nur erforderlich, daß jede Entenmutter ein bis zwei Junge großzieht. Das gelingt ihr regelmäßig ohne den Beistand des Erpels. Da die Natur überall mit dem geringsten Kraftaufwand tätig ist, so bleibt der Erpel bei der Aufzucht außer Betracht.