Der wilde Kanarienvogel, von dem unser zahmer Kanarienvogel abstammt, lebt noch heute auf den Kanarischen Inseln an der Westküste Afrikas. Seit etwa drei Jahrhunderten ist der Kanarienvogel als Haustier bei uns heimisch. Der wilde Kanarienvogel ist grünlich, während unser Kanarienvogel hauptsächlich gelb ist. Wie läßt sich diese Verschiedenheit erklären?

Wir sehen, daß Haustiere sehr häufig eine andere Farbe haben als ihre freilebenden Vorfahren. Das Wildpferd ist braun. Es gibt unzählige Pferde, die nicht braun sind. Ebenso ist es mit den Wildkaninchen, dem Bankivahuhn, der Felsentaube usw.

Da man bei Kanarienvögeln durch Fütterung mit Kayennepfeffer ganz merkwürdige Färbungen erzielt hat, so ist wohl anzunehmen, daß die Nahrung in einem gewissen Zusammenhang mit der Färbung steht. Da die Haustiere gewöhnlich zum Teil eine andere Nahrung als ihre Stammeltern erhalten, so würde sich ihre anders geartete Färbung zum Teil dadurch erklären.

Herr Stengert erzählt uns weiter, daß er früher echte Harzer Kanarienvögel besessen, sie aber wieder abgeschafft hat, denn sie verlangen eine hohe Wärmetemperatur, was bei dem jetzigen Kohlenmangel nicht zu erreichen war.

An sich ist jedem Geschöpf Abhärtung zuträglicher als Verweichlichung. Die Züchtung der Harzer Kanarienvögel bei hoher Temperatur kann man aber eigentlich nicht als Verweichlichung bezeichnen. Denn der Vogel ist einmal ein alter Afrikaner. Vielleicht hat man gerade dadurch so große Erfolge erzielt, daß man ihn in der Temperatur seiner Heimat hielt.

[188]. Warum stecken die Vögel beim Schlafen den Kopf in die Federn?

Da sich der Abend naht, so soll Hänschen zum Schlafen in ein dunkles Zimmer gebracht werden. Hier sind noch einige andere Kanarienvögel, die, wie wir sehen, bereits schlafen. Sie haben nämlich ihren Kopf in die Federn gesteckt.

Diese Schlafstellung erscheint uns recht wunderbar, und die Frage deshalb sehr natürlich, weshalb der Vogel so handelt.

Manche meinen, daß diese Haltung für den Vogel am bequemsten sei. Wie der Mensch den Kopf sinken lasse, wenn er müde sei, so stecke der Vogel unter gleichen Umständen den Kopf in die Federn.

Hiermit ist aber schlecht vereinbar, daß nicht nur die Eulen, sondern, soweit ich feststellen konnte, auch die andern großen Raubvögel den Kopf nicht in die Federn stecken. Es ist mir trotz aller Bemühungen niemals gelungen, einen Adler oder Geier in der Nacht zu beobachten, wie er den Kopf in die Federn steckt. Gerade in Berlin hat man hierzu die schönste Gelegenheit. Geht man in der Dunkelheit am Rande des Zoologischen Gartens entlang, und zwar da, wo er an den Tiergarten grenzt, so sieht man stets einige Bewohner des riesigen Raubvogelkäfigs, wie sie auf den Felsen hocken. Bei den Eulen kann man das Nichthineinstecken des Kopfes mit ihrem zu kurzen Halse erklären. Aber Geier und Adler müßten auch ihre Köpfe in die Federn stecken, wenn diese Erklärung richtig ist.